Wendezeiten/Zeitenwende: Dissidenten als Zeitzeugen

Ein Projekt des philoSOPHIA e.V. [wendezeiten.philoPAGE.de]


Wendezeiten/Zeitenwende im Jahr 1989/90: Dissidenten als Zeitzeugen
Bild: "Vratislav Brabenec playing the saxophone", 01.Juni 2008<br><br>Quelle: Wikimedia Commons / Autor: Aloysius
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Bild: "Vratislav Brabenec playing the saxophone", 01.Juni 2008

Quelle: Wikimedia Commons / Autor: Aloysius

Links zu weiterführenden Informationen

Bandinfos
Homepage der Plastic People of the Universe
Discographie der Band
Lyrics (tschechisch)
Zur Reunion 1997

Historische Filmaufnahmen, die einen Eindruck geben von den Auftritten der Band und ihrem Umfeld
Hlavsa's Wedding 1975
Ivan M. Jirous, genannt Magor + DG 307, eine andere bekannte Undergroundband
Hannibal's Wedding Party

Eine lange Geschichte: PPU & Zappa
Der namensgebende Song - Frank Zappas "Plastic People" 1967 zum Anhören
Der englische Text zum Mitlesen.
Havel über Zappa
Die PPU auf der Zappanale
Der Kreis zu den Anfängen mit Zappa schließt sich.

Reaktionen des realsozialistischen Staates
„Haare abschneiden und in die Kohlengrube schicken.“
Das Parteiblatt "Rude Pravo" hetzt am 12. Januar 1977 gegen die Chartisten
Prozessbericht 1976 Die Zeit
Prozessbericht 1976 Der Spiegel

Reaktionen auf den Prozeß
Zur Charta 77

Vaclav Havel und der Prozeß gegen die PPU, Zitat 1
Zitat 2, Zitat auf Seite 4
Gründungstext Charta 77 auf unserer Homepage »
Zu Charta 77 bei Radio CZ

PPU und Velvet Undergrund
Lou Reed über die PPU
Interview mit Lou Reed
Lärm für die Revolution, Spiegel 23/1993

Tom Stoppards Stück „Rock'n'Roll“
Premiere in London mit Vaclav Havel

Rock und Religion im tschechischen Untergrund
Jan Faktor über Rock und Religion im tschechischen Untergrund
Zum Hören: "Otce" aus "Passion Play"
Wie Passion Play im Untergrund aufgenommen wurde.
Bericht von Radio Prag über Passion Play
Interview mit dem evangelischen Theologen und Saxophonisten der PPU Vratislav Brabenec.

Empfehlung zum Weiterlesen
Human/Reichert. Rock Session 3. Magazin der populären Musik. Rowohlt rororoVerlag/ Reinbek 1979 ISBN 978-3-499-17270-0
Paul Berman. Zappa meets Havel, 1968 und die Folgen. Sach. Rotbuch Verlag, ISBN: 3-88022-649-0
„Es war eine gute Zeit! Wir waren jung und faul.“ Im Gespräch mit „Plastic People of the Universe“
Drei Texte von Jirous, Sterneck und Sterling
Beitrag von Annette Kraus am 9.4.2007 auf Radio Prag Religiös oder rebellisch? Eine Osterpassion aus dem Underground
Am 19.2.2013 wurde im Tschechischen Zentrum Wien das Buch „IVAN MARTIN JIROUS – Leben / Werk / Zeit“ vorgestellt.Herausgegeben wurde der Band von Barbara Zeidler und Abbé J. Libansky. Er enthält erstmals einen deutschsprachigen Querschnitt aus dem Schaffen Magors.

The Plastic People of the Universe - 100 Bodu (100 Punkte)

Ausschnitt aus "100 Bodu"
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Ausschnitt aus "100 Bodu"

Das Projekt "Wendezeiten-Zeitenwende" wurde gefördert durch:




The Plastic People of the Universe und die Charta 77 | philoSOPHIA e.V.


The Plastic People of the Universe und die Charta 77



„Kein Akkord ist hässlich genug, all die Scheußlichkeiten zu kommentieren, die von der Regierung in unserem Namen verübt werden.“


Frank Zappa 1966

In der philosophischen und politischen Bildungsarbeit des philoSOPHIA e.V. haben wir es oft mit jungen Leuten zu tun, die sich für Musik interessieren. Nicht selten sind sie noch offen auch für musikalische Experimente und Neues.
Über Geschichte und Geschichten von Musikern und deren Schicksale kann man mit jungen Menschen gut ins Gespräch kommen. Hier kann man anknüpfen, um davon zu erzählen, was es konkret bedeutet, sein Leben nach eigenen geprüften Maßstäben verantwortlich zu führen.

Die „Plastic People of the Universe“ (PPU) waren eine der wichtigsten Bands des tschechoslowakischen Undergrounds in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts. Gegründet wurden sie einen Monat nach der Niederschlagung des Prager Frühlings im September 1968.

Ihren Namen gab sich die Band nach einem Song auf Frank Zappas zweiter Platte „Absolutely Free“ – „Plastic People“.
Sie gehörte zu den ersten, die Zappas Musik im Osten spielten und bekannt machten, zumindest im Underground.
Die Musik und auch die Ideenwelt der Plastic People of the Universe war nicht nur von Zappa, sondern auch von The Fugs, Velvet Underground, den Doors und Captain Beefheart beeinflusst.

„1997 spielte die Band anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Charta 77 wieder einige Konzerte so z.B. ein Konzert zusammen mit Lou Reed im Weißen Haus anlässlich des Staatsbesuchs von Vaclav Havel bei Bill Clinton 1998. Lou Reed meinte, dass „die Plastic People Velvet-Underground-Lieder besser spielen als Velvet Underground selbst“.

Zweite Kultur/Parallele Polis



Die Band spiegelte in ihren Texten eine widerständige "Zweite Kultur" und lebte diese auch mit den Risiken und Gefährdungen, die dies in einem totalitären System mit sich brachte. Nach einem – einmal gewagten – Vorspiel bei der staatlichen Genehmigungskommission bekamen die PPU zu hören: „Haare abschneiden und in die Kohlengrube schicken.“

Sie verweigerten sich konsequent staatlichen Auflagen. Die Band verstand sich allerdings nicht vordergründig als politisch und machte in ihren Liedern auch selten explizit politische Aussagen.
Eine der wenigen Ausnahmen ist der Song „100 Bodu“ („100 Punkte“) von ihrer LP „Ach to státu hanobení“ (Konzerte 1976-77), noch einmal 1982 veröffentlicht auf „Kolejnice duni“.

Der Text (mit einer Auswahl von 38 Punkten) wurde als wohl bisher einzige deutsche Textübersetzung der Plastic People of the Universe in einer Nummer der Oppositionszeitschrift „Grenzfall“ 1986 veröffentlicht.

Den Mitgliedern der Plastic People wurde 1970 die Lizenz als Profimusiker entzogen. Das war eine Folge der von der Sowjetunion nach 1968 durchgesetzten sog. „Normalisierung“, sprich Unterdrückung aller nicht genehmen Ideen, Lebensweisen und politischen Auffassungen.

Für die Band hieß das: sie durften mit Konzerten kein Geld verdienen, verloren ihre Instrumente aus Staatsbesitz und den Zugang zu Proberäumen. Auf geliehenen Instrumenten und an selbst gebastelten Verstärkern machten sie jedoch weiter und gaben private Konzerte an abgelegenen Orten, die ausschließlich über Mundpropaganda angekündigt wurden. Unter anderem stellte Václav Havel » sein Landhaus für Proben, Konzerte und Plattenaufnahmen zur Verfügung. Havel war u.a. auch ein wichtiges Bindeglied zwischen den Plastic People of the Universe und Zappa und er war es wohl auch, der die erste Velvet Underground Platte überhaupt 1967 von seinem USA-Aufenthalt in sein Land brachte.

Es entstand eine Untergrundbewegung, ein Zirkel, in dem sich andere Bands, Sänger, Dichter und Künstler um die Plastic People scharten. Immer wieder gab es zwischen den Anhängern dieser Bewegung und den staatlichen Institutionen Zusammenstöße und Schlägereien, es kam vielfach zu Verhaftungen.

Verbot und Gefängnis



Im Jahre 1976 wurde die Gruppe verboten. Einige ihrer Mitglieder wurden wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses" nach einem Schauprozeß für Monate inhaftiert. Auf die Verhaftung folgte eine Kampagne in den staatlichen Medien, in der sowohl die Plastic People speziell, als auch der Underground allgemein als asozial, arbeitsscheu und drogenabhängig dargestellt wurden.

Václav Havel nahm an dem Prozeß gegen die Musiker als Beobachter teil. Dabei wird ihm erneut deutlich, daß er als bewußt lebender verantwortlicher Mensch „einer Grundentscheidung in seinem Leben nicht ausweichen kann.
In einem Prozeßbericht notiert er: „Was dieser Prozeß in Wirklichkeit darstellt: eine dringliche Vergegenwärtigung der Frage, was der Mensch im Leben eigentlich tun soll. Ob er die Welt, wie sie ist, schweigend annehmen und sich als gehorsames Objekt eingliedern soll, oder ob er die Kraft hat, ein freies Subjekt zu sein, das sein Leben selbst wählt.“
Für Havel wird der Prozeß gegen die „Plastic People" zu einem entscheidenden Erkenntnismoment in seinem Leben. Ebenso wie der Philosoph Jan Patocka erkennt er, daß „unter uns noch Menschen leben, die für ihre Wahrheit existenziell haften und nicht zögern, für ihre Lebensvorstellungen auch hart zu bezahlen".“

Weiter schreibt er im Zusammenhang mit der Verhaftung der PPU:
„Das war ein Angriff des totalitären Systems auf das Leben selbst, auf die menschliche Freiheit und Integrität. Die Angeklagten waren junge Menschen. Sie wollten einfach nur in Übereinstimmung mit sich selbst leben und Musik machen, die sie mögen. In diesem Zusammenhang entwickelten sich Kontakte und Freundschaften zwischen Menschen aus bisher isolierten Kreisen. Sie sollten schon bald die Charta 77 » gründen.“

Mit den Chartisten wurde von staatlicher Seite ähnlich rüde umgegangen wie mit den Musikern, die z.T. auch die Charta 77 unterschieben haben wie u.a. auch Magor.
„Im Parteiblatt Rude Pravo erschien am 12. Januar 1977 der erste Hetzartikel gegen die Chartisten. Unter der Überschrift "Schiffbrüchige und Selbsterwählte" hiess es unter anderem: "...Die sog. Charta 77 hat eine Gruppe von Leuten aus den Reihen der verkrachten Existenzen der tschechoslowakischen reaktionären Burgeoisie sowie aus denen der Organisatoren der Konterrevolution von 1968 auf Bestellung antikommunistischer und zionistischer Zentralen gewissen westlichen Agenturen überreicht. Dabei handelt es sich um eine antistaatliche, antisozialistische, gegen das Volk gerichtete, demagogische Hetzschrift, die in grober und verlogener Weise die Tschechoslowakische sozialistische Republik und die revolutionären Errungenschaften des Volkes verleumdet."“

Nach der Verhaftung fanden zunächst nur noch fünf Konzerte statt, illegal, im privaten Rahmen.

Nach der samtenen Revolution



Seit den 90ern ist die Band in teilweise neuer Besetzung unterwegs, auch in Deutschland.

Anlässlich der Feier zum 70. Geburtstag von Václav Havel im Haus der Berliner Festspiele trat die Band am 7. Oktober 2006 in Berlin auf.
Im gleichen Jahr wurde Tom Stoppards Stück „Rock'n'Roll“ in London im Beisein von Václav Havel und Mick Jagger uraufgeführt, in dem die PPU eine wichtige Rolle spielen.

Im August 2011 kamen sie zur 22. Zappanale in Bad Doberan und so schloß sich wieder ein Kreis zu Zappa.

Rock & Religion



Eine Besonderheit der „Plastic People of the Universe“ ist deren religiöser Bezug, insbesondere die Wiederaufnahme hussitischer Traditionen. Vor allem Jan Faktor hat darauf im Anschluß an Aussagen des Bandleaders Ivan Martin Jirous in einem sehr lesenswerten Artikel aufmerksam gemacht.

Als Fazit schreibt er: „Echte Religiosität – traue ich mir jetzt zu behaupten – wurde nach 500 Jahren wieder gelebt; und gerade außerhalb der Kirchen. Manche Titel von PPU haben etwas Alttestamentarisches, Hlavsas Stimme könnte die Stimme eines Propheten sein. Und zwar auch in dem Sinne, dass es eine Stimme ist, die sich direkt an Gott wendet.“

Solche Klänge hört man besonders auf „Pašijové hry velikonoční“ (Passion Play). Die Platte war ganz dem Leidensweg Christi gewidmet.

„Im Herbst 1977 beginnen die Vorarbeiten für die Osterpassionsspiele. Das Libretto des Bandmitglieds Vratislav Brabenec wird von Milan Hlavsa - der bis dahin fast ausschließlich Rockmusik komponiert hat - vertont, geleitet von der Volkstradition der Passionsspiele. Sorgfältig geheim gehalten, findet die Premiere am 22. April 1978 im Haus von Václav Havel am Hradecek statt. Die Zusammensetzung der Plastic People of the Universe wächst für dieses Projekt auf zehn Mitglieder an. Die Tonaufnahme, die bei dieser Gelegenheit im Hause Havel entsteht, wird zunächst zusammen mit einem Text und einer Bildanlage als Samisdat auf einem Magnetophonband verbreitet, kommt 1980 unter dem Titel Passion Play bei einem von Paul Wilson gegründeten kanadischen Label auf den Markt und wird anschließend mit großem Echo von der landesweiten kanadischen Rundfunksstation CBC gesendet.“

Im Jahre 2004 wurde das Werk, das einer Rockoper ähnelt, von den PPU zusammen mit dem Agon Orchester noch einmal in Wien inszeniert und mehrfach in Europa gespielt.
Zu Ostern 2012 wurden die Passionspiele neu arrangiert und gemeinsam mit der Kammerphilharmonie Pardubice im Prager Theater Archa aufgeführt.

Der Titel zur Bergpredigt aus "Passion Play" - The Plastic People of the Universe und das Agon Orchester:

Diese religiösen Aspekte und ihr Zusammenhang mit dem unerschrockenen rebellischen Auftreten der Band verfolgt der philoSOPHIA e.V. weiter in Seminarangeboten für Jugendliche. Im November 2011 fand dazu bereits eine Weiterbildung für Lehrerinnen und Lehrer aus den Fächern Musik, Religion und Ethik statt.
Solche Themen sind Teil des bundesweiten philosophischen und religionskundlichen Jugendbildungsprojektes „DenkWege zu Luther“ zum Reformationsjubiläum 2017, das die beiden Evangelischen Akademien in Mitteldeutschland in Kooperation mit unserem Verein seit 2009 im Rahmen der Lutherdekade anbieten.

Leider fehlt es noch an guten deutschen Übersetzungen der Texte der PPU.

Autor: Carsten Passin