Wendezeiten/Zeitenwende: Dissidenten als Zeitzeugen

Ein Projekt des philoSOPHIA e.V. [wendezeiten.philoPAGE.de]


Wendezeiten/Zeitenwende im Jahr 1989/90: Dissidenten als Zeitzeugen

Fotografin: Uta Schützendorf
Fotografin: Uta Schützendorf
Tina Krone, Jg. 1957; Lehrerin; seit 1982 Mitarbeit in verschiedenen oppositionellen Gruppen in der DDR: u.a. "Frauen für den Frieden", Redaktionsmitglied des "Friedrichsfelder Feuermelder" (Samisdat - Zeitung) und des illegalen Radiosenders "Schwarzer Kanal"; nach Repressalien in der Volksbildung Berufsverbot; ab September 1989 Mitglied des "Neuen Forum"; seit 2002 wissenschaftliche Mitarbeiterin und Archivleiterin in der Robert- Havemann- Gesellschaft; 2005 berufen in Expertenkommission zur Schaffung eines Geschichtsverbundes "Aufarbeitung der SED- Diktatur"; lebt in Berlin.

[+]

Weiterführende Links zum Beitrag

Fotos zu den in Beitrag erwähnten Ereignissen sind auf einer von der Robert-Havemann-Gesellschaft betriebenen Seite zur Ausstellung "Revolution 1989/90" zu finden unter
www.revolution89.de

Robert-Havemann-Gesellschaft:
www.havemann-gesellschaft.de

Besondere Empfehlung:
www.jugendopposition.de

Das Projekt "Wendezeiten-Zeitenwende" wurde gefördert durch:




Beitrag Tina Krone | philoSOPHIA e.V.


Was man 1989 in der DDR erleben konnte



Der Fall der Mauer



Vor 22 Jahren, in der Nacht vom 9. zum 10. November 1989, ist in Berlin die Mauer gefallen. Ich wohnte damals wie heute im Prenzlauer Berg in Ost-Berlin. Als ich an diesem Abend von einer der vielen Sitzungen des Neuen Forums nach Hause kam, klingelte das Telefon. Ein Freund, der Mitte der achtziger Jahre von Halle nach West-Berlin übergesiedelt war, teilte ganz aufgeregt mit, dass die Mauer offen sei. Auf meine ungläubigen Nachfragen reagierte er nur mit: „Stell den Fernseher an!“ Gemeint war natürlich das Westfernsehen. Und da waren Ostberliner zu sehen, die ihre blauen Personalausweise vor den Kameras schwenkten und ganz aufgeregt waren, weil sie nun auf der anderen Seite der Mauer standen.

Ich war perplex. Wenige Stunden zuvor hatte ich eine vom DDR-Fernsehen übertragene Pressekonferenz gesehen, auf der die neueste Reiseregelung vorgestellt worden war. Da hatte ich das so verstanden, dass alle, welche die DDR für immer verlassen wollen, dies ab sofort können. Ein Absatz war in dem Text wohl auf normale Reisen bezogen , das hatte ich schon gar nicht mehr gehört – hätte ich auch nie mit gerechnet. Was war hier los?

Mein damaliger Lebensgefährte, Reinhard Schult, und ich haben uns sofort auf den Weg zu einem Grenzübergang gemacht. Mit unserem Trabant sind wir zum Übergang Heinrich-Heine-Straße gefahren. Aber der war noch zu. Wir stellten uns ans Ende einer schon recht langen Autoschlange an. Irgendwann war ein Offizier zu sehen, der zwischen den Autos hindurch nach hinten kam – und lachte. Ein Grenzer, der lachte, das war so unmöglich, dass dies nur eines bedeuten konnte: Das Unmögliche ist möglich. Ob sie hier auch gleich öffnen? So war es dann auch. Wir wurden zwar kontrolliert, mit Spiegeln wurde sogar die Unterseite des Autos untersucht, aber wir durften wie alle anderen weiterfahren. Das war noch im August an der Grenze zur damaligen CSSR ganz anders. Dazu später.

Wir fuhren nach Kreuzberg, zu einer Kneipe, in der ein Freund arbeitete, der 1988 ausgereist war, und den wir seit damals nicht mehr gesehen hatten. Als wir dort ankamen, saßen schon Leute aus der Ostberliner Umwelt-Bibliothek drin. Sie hatten den Übergang Bornholmer Straße benutzt, der als erster geöffnet worden war.

Hier hatten sich schon seit Ende der Pressekonferenz immer mehr Menschen angesammelt, welche die verwirrenden Aussagen ganz einfach interpretiert hatten: Reisen ohne Einschränkung für alle, ab sofort. Nur hatten die an der Grenze eingesetzten Kräfte keinerlei Anweisung diesbezüglich erhalten. Die eigentliche Absicht war ja auch, dass ab dem 10. November ein kontrollierter Reiseverkehr einsetzt. Dazu sollten alle, die keinen Reisepass hatten (und das war die Mehrheit der Bevölkerung) erst einmal einen beantragen. Davon wollten die an der Bornholmer Straße Versammelten allerdings nichts wissen. Sie wurden immer mehr und ließen sich nicht wieder nach Hause schicken. Am Ende beugten sich zum wiederholten Male in diesem Jahr 1989 die Verantwortlichen dem Drängen der Masse; der Schlagbaum wurde geöffnet. Kurz nach Mitternacht waren an allen innerstädtischen Grenzübergängen in Berlin die Kontrollen eingestellt.

In dieser Kneipe in Kreuzberg trafen nach und nach viele unserer Freunde ein, die in den Westen übergesiedelt oder ausgebürgert worden waren. So ein Treffen war bis dahin einfach unvorstellbar gewesen. Es fühlte sich an wie ein einziger Rausch. Völlig unwirklich.

Als wir uns am Morgen auf den Weg nach Hause machten, war unser kleines Auto beladen mit ganzen Jahrgängen vom „Spiegel“, vom „Stern“ und anderen Zeitungen, mit Matrizen für Druckmaschinen, Farbe und einem riesengroßen Fernseher für Veranstaltungen. Der Grenzer am Übergang deutete auf den Fernseher und fragte uns: „Geschenkt?“ „Ja.“ Das kommentierte er im schönsten Sächsisch: „Sauber!“. Wieder eine völlig unerwartete Reaktion. Träumte ich? Auch die Zeitschriften im Kofferraum – alle in der DDR verboten – waren kein Problem. Als wir den Grenzübergang passiert hatten und auf dem Weg nach Hause waren, hatte ich das Gefühl, das Auto fliegt einen Meter über der Straße.

Am nächsten Morgen klingelte es an der Tür. Unser Freund Roland Jahn, der 1983 mit Gewalt aus der DDR ausgebürgert worden war, stand vor unserer Wohnung in Ost-Berlin und wollte mit uns frühstücken. Der Traum ging weiter.

Bevor die Mauer fallen konnte, ist aber einiges passiert: Ein 28 Jahre lang eingesperrtes Volk ist aufgestanden. Das geschah nicht an einem Tag, innen- und außenpolitische Entwicklungen griffen ineinander. Aber auf keinen Fall waren die Politiker, welche sich an den runden Jahrestagen feiern ließen, die Hauptakteure dieser Zeit und auch nicht der Nacht des 9. November.

Die Ausreisewelle



Am 2. Mai 1989 hatte Ungarn mit dem Abbau der Grenzanlagen zu Österreich begonnen. Symbolisch wurde ein Loch in den Eisernen Vorhang geschnitten. Diese Bilder gingen um die Welt. In der DDR machten sich vor allem junge Menschen auf den Weg. Sie sahen keine Perspektive mehr, hatten jede Hoffnung auf Veränderung aufgegeben – sie wollten nur noch raus. In Ungarn war es aber so, dass die Sicherungsanlagen weiterhin voll funktionsfähig waren. Niemand konnte einfach so über die Grenze in den Westen spazieren, Flüchtlinge wurden weiterhin verhaftet. Zwischen Anfang Mai und Mitte August wurden über 4.000 Flüchtlinge abgefangen, im August haben ungarische Grenzer im Handgemenge einen ostdeutschen Jugendlichen erschossen. Ein Geheimabkommen mit der DDR verpflichtete Ungarn zur Verhaftung und zur Überstellung der Flüchtlinge in die DDR. Einige wurden auch direkt abgeschoben , aber der überwiegende Teil bekam die Auflage, Ungarn binnen 24 Stunden zu verlassen und einen entsprechenden Stempel in den Ausweis. Damit war die Verhaftung bei Wiedereinreise in die DDR vorprogrammiert. Der Ausweg war die bundesrepublikanische Vertretung in Budapest. Trotzdem kamen immer mehr Menschen aus der DDR. Sie belagerten die bundesdeutsche Botschaft oder hielten sich in der Nähe der Grenze auf, um einen Weg hinüber zu finden.

Auch die deutschen Botschaften in Warschau und Prag wurden zum Ziel der Fluchtwilligen. Die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin musste am 8. August 1989 schließen, weil sich zu diesem Zeitpunkt über hundert Menschen hier aufgehalten haben.

Für mich bestand dieser Sommer 1989 aus einer langen Reihe von Kopfschmerztagen. Sie wollten gar nicht mehr vergehen. Jeden Tag die Nachrichten im Westfernsehen über die Fluchtwelle, in der DDR aber Schweigen. Offiziell kam kein einziges Wort zu den Vorgängen aus den Führungsetagen. Stattdessen verkündete Erich Honecker, Staats- und Parteichef der DDR, am 15. August im „Neuen Deutschland“, dem Zentralorgan der Staatspartei SED: „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf“.

Was sollte man davon halten? Es war einfach surreal. Der Mief des Stillstands lastete auf dem Land, man fühlte sich wie unter einer Käseglocke aus Beton.

Mein Lebensgefährte und ich machten uns auch auf den Weg nach Prag. Der 21. August stand bevor, der Tag, an dem 1968 die Truppen des Warschauer Paktes in die CSSR einmarschiert waren und den Prager Frühling mit Panzern niedergewalzt hatten. Wir hatten gehört, dass Demonstrationen von Oppositionellen dort geplant waren. Da wollten wir dabei sein. Und wir waren mit einem Freund verabredet, der fünf Jahre zuvor von Ost- nach West-Berlin übergesiedelt war.

Es lief dann ganz anders als geplant. Am Grenzübergang stand eine lange Schlange DDR-Autos: Trabant, Lada, Moskwitsch – alle beladen bis unter das Dach. Man sah förmlich, hier wollen ganze Familien für immer weg. Wir stellten uns an und rückten langsam vor. Unser Trabant wurde zur Seite gewunken, wir mussten alles auspacken, die Personalausweise wurden in ein Häuschen mitgenommen und wir hatten zu warten. Irgendwann kam ein Uniformierter, gab uns die Ausweise zurück und teilte uns mit, dass wir nicht weiterreisen können. „Ihre Ausreise ist unerwünscht!“ Gleichzeitig bildeten zivil gekleidete Männer eine Kette vor dem Auto – ähnlich der Mauer beim Fußball. Ich rastete aus, schrie herum. Aber es nützte nichts. Wir mussten wenden und zurück. Es war ein sehr demütigendes Gefühl. Dabei wollten wir gar nicht abhauen.

Nach Verhandlungen mit der Bundesregierung verkündete der ungarische Ministerpräsident am 10. September, dass die DDR-Bürger das Land Richtung Westen verlassen können. In den folgenden fünf Tagen reisten hier etwa 14.000 nach Österreich aus. Reisen nach Ungarn wurden jetzt von DDR-Seite aus soweit erschwert, dass fast niemand mehr dort hinkam, und die tschechoslowakischen Grenztruppen verstärkten die Kontrollen an der Grenze zu Ungarn. Dieser Weg in den Westen war nun so gut wie unmöglich. Der Zug der Flüchtenden bewegte sich jetzt nach Prag, denn in die CSSR konnte man noch ohne Pass und Visum reisen. Die bundesdeutsche Botschaft in der Hauptstadt, schon im Sommer Ziel einiger Botschaftsbesetzer, erlebte im September einen regelrechten Ansturm. Die anschwellende Masse der Menschen verlangte auch hier bald nach einer Lösung. Am 30. September konnte Hans-Dietrich Genscher, damals der bundesdeutsche Außenminister, vom Balkon der Botschaft aus verkünden, dass alle hierher Geflüchteten, immerhin fast Fünftausend , ausreisen können. Der aufbrandende Jubel erstickte seine letzten Worte. Diese Szene wurde zu einem der symbolträchtigsten Momente dieses Jahres.

Die Fluchtwilligen aus den Botschaften in Prag und Warschau sollten an den darauf folgenden Tagen in Zügen der DDR über DDR-Terrain reisen, um offiziell ausgewiesen werden zu können. Darauf hatte Erich Honecker bestanden. Ein schwerer Fehler, wie sich bald herausstellen sollte.

Die Opposition formiert sich



Auf der einen Seite verließen Massen von Menschen die DDR, auf der anderen breitete sich unter den Oppositionellen eine Art Gründungsfieber aus. In den Sommermonaten des Jahres 1989 wurde in Berlin parallel zueinander die Bildung gleich mehrerer politischer Bewegungen und einer Partei vorbereitet: zwischen dem 9. September und dem 7. Oktober 1989 wurden die Bürgerbewegungen Neues Forum, Demokratie Jetzt und Demokratischer Aufbruch ins Leben gerufen und die Sozialdemokratische Partei der DDR, abgekürzt SDP.

Am 10. September 1989 wandten sich 30 Personen mit einem Gründungsaufruf für ein Neues Forum an die Öffentlichkeit. Dieser Text wurde zwar von den Nachrichtenagenturen der DDR nicht veröffentlicht, seine Existenz aber ist über westliche Radio- und Fernsehsender in der DDR bekannt geworden. Sofort meldeten sich Hunderte, die diesen Aufruf unterschreiben wollten. Er wurde zum letzten Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

„Aufbruch 89 – Neues Forum“ war der Aufruf überschrieben. Und er begann mit dem Satz: „In unserem Lande ist die Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft offensichtlich gestört.“ In kurzer Form und unter Verzicht auf jegliche Phrasen folgten die Vorstellungen der Gründerinnen und Gründer von den fälligen Veränderungen im Land. Der Text endete mit den Worten: „Wir rufen alle Bürgerinnen und Bürger in der DDR, die an der Umgestaltung unserer Gesellschaft mitwirken wollen, auf, Mitglieder des Neuen Forum zu werden. Die Zeit ist reif.“ Und das war sie.

Die Erstunterzeichner bekamen bald Briefe aus dem ganzen Land. „Der Text spricht mir aus dem Herzen, und ich sehe in dieser Initiative eine wirkliche Chance für unsere kranke Gesellschaft. Wenn die notwendige Erneuerung ´von oben` nicht durchgeführt wird, muss sie halt von unten kommen“, heißt es am 19.9.1989 in einem Brief aus Saßnitz an Erika Drees, die Mitbegründerin aus Stendal.

Die Verbreitung des Gründungsaufrufes sprengte alle bis dahin geltenden Größenordnungen: War es vor 1989 so, dass verbotene Texte nur in einer relativ kleinen politischen und künstlerischen Szene verbreitet wurden, schrieben jetzt massenhaft Menschen, die in den Besitz dieses Aufrufs gelangt waren, ihn mit der Hand oder der Schreibmaschine ab, um ihn im Freundeskreis, an Familienangehörige und Berufskollegen weiterzugeben. Der Aufruf erschien sogar an Betriebswandzeitungen, was damals noch akribisch von den Spitzeln des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) weitergemeldet wurde. In den täglichen Meldungen des MfS können solche „Vorkommnisse“ heute nachgelesen werden.

Die Zahl der Unterstützer wuchs in wenigen Wochen auf Zweihunderttausend an, für die Verhältnisse in der DDR eine unglaubliche Anzahl. Bedeutete die Unterschrift doch, sich mit seiner Meinung zu erkennen zu geben. Das war damals noch mit einem hohen Risiko verbunden.

Wer von heute nach hinten schaut, dem entgeht oft, dass bis zum Fall der Mauer sämtliche Vereinigungen illegal waren, dass die Initiatoren und Sympathisanten verfolgt, überwacht und auch festgenommen wurden. Die vorbereitenden Gespräche für das Gründungstreffen des Neuen Forums im September 1989 wurden außerhalb der Wohnungen geführt, da nicht auszuschließen war, dass die Stasi über Wanzen von dem Treffen erfahren und es verhindert hätte. Trotzdem war bei der Gründung ein Spitzel dabei, von dem der Bericht über das Treffen stammt. Er hat unter anderem auch vermerkt, dass das Folgetreffen erst für den 2. Dezember 1989 verabredet war. Daran wird vor allen Dingen eines sehr deutlich: Niemand ahnte etwas von den nachfolgenden Ereignissen, die in immer atemberaubenderem Tempo abliefen.

Reinhard Schult war bei der Gründung des Neuen Forums in Grünheide dabei, sein Name stand unter dem Aufruf. Wir waren beide bereits seit Jahren in der Opposition aktiv, unsere Wohnung war Treffpunkt und Versammlungsort. Aber was dann im September und Oktober 1989 über uns hereinbrach, war von ganz anderer Dimension. Ununterbrochen klingelten uns bis dahin völlig unbekannte Menschen an der Wohnungstür. Sie kamen nicht nur aus Berlin, sondern reisten aus dem ganzen Umland an und wollten sich in die bei uns (wie bei allen Gründern und Kontaktadressen in den Wohnungen) ausliegenden Unterschriftenlisten eintragen. Sie kamen mit ihren Geschichten, mit ihren Sehnsüchten und Hoffnungen. An manchen Tagen stand, wenn ich nach der Arbeit nach Hause kam, schon eine ganze Schlange von Menschen die Treppe hoch an. Jeden Tag kamen Briefe. Der Gründungsaufruf wurde verschickt und Kontaktadressen vermittelt. Das Telefon stand nicht still. Da das Neue Forum noch kein Büro hatte, wurden die ersten Schritte in der Organisation von den Wohnungen aus getan. Familienmitglieder und Freundeskreis mussten eingespannt werden. Ein Freund saß zum Beispiel täglich in unserer Wohnung und hat die Unterschriftenlisten mit dem Computer erfasst. Später erfuhren wir, dass er in Wahrheit ein Spitzel war.

Am 22. September war in den Zeitungen der DDR zu lesen, dass das Neue Forum verfassungsfeindlich sei und eine „staatsfeindliche Plattform“ darstelle. Daraus folgte, dass sich jeder, der sich hier engagierte, strafbar machte. Die Wohnhäuser der Gründer wurden überwacht, Besucher kontrolliert oder sie selbst zu Verhören abgeholt. Bei Erika Drees in Stendal zum Beispiel, wurden am 28. September 1989 alle Unterschriftenlisten beschlagnahmt. Ihre Jacke mit der Aufschrift „Neues Forum staatsfeindlich? Menschenfreundlich!“ und eine Plakette mit der Losung „Stopp Atomenergie“ wurden ebenfalls mitgenommen. Begründung: Sie stellten eine erhebliche Gefährdung der Öffentlichkeit dar.

Besonders perfide ist das Beispiel des Erstunterzeichners aus Schwerin, Martin Klähn. Seine Frau wurde von einem Stasi-Mann und einem Vorgesetzten unter Druck gesetzt bis zu der Aufforderung, sich von diesem „Staatsfeind“ scheiden zu lassen. Auch die siebenjährige Tochter wurde öfter von den Bewachern auf der Straße angesprochen und zum Vater sowie dessen vielen Besuchern befragt. Trotzdem hatten sich innerhalb von zwei Wochen in verschiedensten Orten der gesamten DDR Gruppen des Neuen Forums gebildet, die Bürgerbewegung hatte sich landesweit etabliert.

Mit der Gründung einer vom Staat und von der Kirche unabhängigen Vereinigung wurde die Hoffnung auf längst fällige Veränderungen verbunden. „Neues Forum zulassen!“, diese bald auf Transparenten zu lesende und in Sprechchören skandierte Losung auf den Demonstrationen ab Anfang Oktober bündelte diese Hoffnungen knapp.

Was die Leute bewog, jetzt aufzustehen und loszugehen, schildert ein Briefeschreiber am 23. Oktober 1989 aus Gera: „Das traumatische Gefühl der Ohnmacht hat mich krank gemacht und zugleich radikalisiert. Ich muss diesen Zustand überwinden, um wieder produktiv und effektiv arbeiten zu können. Für mein persönliches Selbstverständnis ist es unumgänglich geworden, mich aktiv an den Veränderungen in unserem Land zu beteiligen, weil ich hier leben will.“

„Ich bin als Ärztin tätig und habe auch tagtäglich mit den Unzulänglichkeiten auf allen Ebenen zu kämpfen. Es ist schon wahr, dass man allzu lange ´im Winterschlaf´ verharrte und sich mit der Floskel, allein könne man ja doch nichts bewirken, beruhigt hat. Man muss nur das Gehen erst wieder lernen“, wird die Situation in einem anderen Brief treffend beschrieben.

Die Menschen gehen auf die Straße



Das entscheidende war, dass die Menschen auf die Straße gingen, die Politik plötzlich unter freiem Himmel stattfand, wie es Bärbel Bohley, die Initiatorin des Neuen Forums, 2009 beschrieben hat.

Wir erinnern uns an die Züge mit den Flüchtlingen, die seit dem 1. Oktober unterwegs waren. An den Strecken, auf denen die Sonderzüge in Richtung Bundesrepublik rollten, versammelten sich immer wieder Menschen. Manche wollten zum Abschied winken, aber andere wollten auch aufspringen. Es kam zum Teil zu schweren Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Am 3. Oktober warteten in der deutschen Botschaft in Prag schon wieder mehrere Tausend Menschen, um von hier aus in den Westen zu gelangen. An diesem Tag schloss die DDR die Grenze zur Tschechoslowakei, der Weg nach Prag war nun so gut wie abgeschnitten. Auf dem Hauptbahnhof in Dresden eskalierte jetzt die Situation. Vom 3. bis zum 6. Oktober herrschte hier Ausnahmezustand. Die Einsatzkräfte gingen mit äußerster Gewalt vor, Wasserwerfer wurden eingesetzt, der Bahnhof abgeriegelt. Die Demonstranten lieferten sich regelrechte Schlachten mit der Polizei. Steine flogen, Polizeiautos wurden umgestürzt. Auf dem Bahnhof und davor sah es aus wie nach einem Bürgerkrieg. Am Ende gab es zahllose Verletzte und über 1000 Verhaftungen.

Aus Leipzig kamen schon seit Anfang September 1989 wiederholt Nachrichten über Verhaftungen. Immer montags, nach dem dort seit Anfang der achtziger Jahre wöchentlich abgehaltenen Friedensgebet (nach Auseinandersetzungen mit Verantwortlichen in der Ev. Kirche im Mai 1989 in Montagsgebete umbenannt ), versuchten die Teilnehmer, ihre Forderungen aus der Kirche auf die Straße zu tragen. Es waren einerseits Mitglieder verschiedener oppositioneller Gruppen und andererseits Menschen, die um Genehmigung ihrer zum Teil vor langer Zeit gestellten Ausreiseanträge kämpften. Die Leipziger Gruppen hatten im Wechsel die Friedensgebete gestaltet und so dem Gottesdienst einen politischen Rahmen gegeben, was sicher ein Grund für die steigende Anziehungskraft war.

Die an den Montagen im September vergleichsweise noch kleinen Demonstrationszüge kamen nicht sehr weit und die Teilnehmer wurden verhaftet. Trotzdem wurden es jede Woche mehr Menschen und die Montagsdemonstrationen waren geboren. Die Brutalität, mit der gegen die Protestierenden vorgegangen wurde und das wachsende Einverständnis mit ihren Forderungen ließen die Einwohner nicht mehr kalt. Sie solidarisierten sich. Am 25. September demonstrierten schon zwischen 4.000 und 8.000 Menschen auf der sechsspurigen Fahrbahn des Leipziger Innenstadtrings. Den etwa 2.500 Mitgliedern oppositioneller Gruppen und Gottesdienstteilnehmern hatten sich unterwegs noch einige Tausend angeschlossen.

Die Situation im Land wurde immer angespannter. Der 40. Jahrestag der DDR stand bevor. In der Hauptstadt liefen die Vorbereitungen für die Feierlichkeiten am 7. Oktober auf Hochtouren. Schließlich wurden die Repräsentanten des gesamten Ostblocks und der sympathisierenden Länder erwartet.

Am Vorabend des 40. Jahrestages, am 6. Oktober, demonstrierte der staatliche Jugendverband FDJ (Freie Deutsche Jugend) mit Fahnen und Fackeln auf recht martialische Weise seine Treue zur DDR, am Vormittag des 7. Oktober wurde wie jedes Jahr eine Militärparade abgehalten. Die Opposition hatte für 17 Uhr zur Demonstration auf dem Alexanderplatz aufgerufen.

Zuvor war seit Juni immer am siebenten Tag des Monats gegen Wahlfälschung protestiert worden. Am 7. Mai hatten Kommunalwahlen in der DDR stattgefunden. Wobei es aber nichts zu wählen gab. Auf einem Zettel standen alle Parteien und auch Massenorganisationen und deren Kandidaten, „Einheitsliste“ genannt. Dieser Zettel musste gefaltet und in die Wahlurne gesteckt werden. Ankreuzen, also auswählen, konnte man nichts. Wer in die Kabine wollte, wurde misstrauisch beäugt. Wozu wollte er da hinein? Doch wohl nur, um mit NEIN zu stimmen. Selbst die Nichtteilnahme an den Scheinwahlen wurde als gleichbedeutend mit der Ablehnung des gesamten Systems in der DDR gewertet. Solche, die nicht zur Wahl erschienen waren, wurden zu Hause aufgesucht. Ich erinnere mich noch gut, wie mein Vater an solchen Wahltagen von Männern mit einer transportablen Wahlurne bis in den Garten verfolgt wurde.

Den offiziellen Angaben nach stimmten immer etwa 99 Prozent der Wähler mit JA. Obwohl tatsächlich eine große Mehrheit in den 40 Jahren DDR die Wahlzettel kommentarlos in die Urne geschoben haben muss, kam immer wieder der Verdacht auf Wahlfälschung auf.

Oppositionelle wollten das bei den Kommunalwahlen 1989 belegen und die Auszählung der Stimmen kontrollieren. Wochenlang bereiteten sie sich vor. Die Stimmauszählung konnte dann in repräsentativem Ausmaß beobachtet werden: In mehr als 1000 Wahllokalen in etwa 50 Städten und Gemeinden waren Oppositionelle dabei. Im Berliner Stadtbezirk Weißensee waren es sogar 66 von 67 Wahlbezirken. Der Vergleich mit dem amtlichen Endergebnis zeigte dann auch deutlich, dass die offiziell verkündeten Wahlergebnisse gefälscht waren.

Beschwerden, damals „Eingaben“ genannt, und auch Strafanzeigen wegen Wahlfälschung folgten. Und Proteste auf der Straße, wie in Leipzig und Ost-Berlin.

An diesem 7. Oktober kamen mehr als sonst zur sogenannten Wahldemo. Sie sammelten sich auf dem Alexanderplatz und bewegten sich zum nicht weit entfernten Palast der Republik, in dem zu diesem Zeitpunkt der Festakt zum 40. Jahrestag der DDR zelebriert wurde. Staats- und Parteichef Erich Honecker feierte im Kreise seiner damals prominenten Gäste, darunter Michail Gorbatschow, Nicolae Ceausescu und Jassir Arafat. „Demokratie – Jetzt oder nie!“ und „Neues Forum!“ riefen ihnen die etwa 3.000 Demonstranten zu, bis sie vom Palast abgedrängt wurden. Der Zug bewegte sich von hier durch die Innenstadt in den Bezirk Prenzlauer Berg zur Gethsemanekirche. Hier wurde seit einer Woche mit einer Mahnwache die Freilassung der in den vergangenen Wochen im Land Verhafteten gefordert. In dieser Nacht wurden allein in Berlin über 1000 Demonstranten verhaftet. Auch in anderen Städten wurde an diesem Tag demonstriert, darunter in Dresden, Leipzig, Plauen, Karl-Marx-Stadt, Arnstadt, Potsdam, Ilmenau, Jena, Magdeburg, Halle, Dipoldiswalde, Prenzlau, Rostock, Aschersleben, Hainichen, Schwarzenberg, Roßlau, Torgau.

Am 8. Oktober ging es weiter: Die ca. 3.000 Besucher einer Andacht in der Berliner Gethsemanekirche wurden im Anschluss von Sondereinheiten der Polizei eingekesselt und gewaltsam auseinandergetrieben, wobei es wieder Verletzte und Verhaftungen gab.

Vor der Kirche hatten Besucher schon unzählige Kerzen abgestellt. Die Bewohner in den Häusern ringsum hatten nun ihrerseits Kerzen in den Fenstern der eigenen Wohnung angezündet. Das wurde von allen als nicht zu überschätzende Ermutigung empfunden. Zeugen dieser Tage erinnern sich bis heute sehr bewegt daran. Die Anwohner waren aus ihrer Anonymität herausgetreten, hatten ganz persönlich – unter ihrer Adresse sozusagen – Solidarität bewiesen.

In Dresden gelang es an diesem Abend den in einem Polizeikessel festgehaltenen Demonstranten, Verhandlungen aufzunehmen. Der Oberbürgermeister erklärte sich zu einem Gespräch bereit, die Demonstranten wählten Sprecher, welche als „Gruppe der 20“ bekannt geworden sind.

Insgesamt wurden vom 4. bis zum 8. Oktober 3.456 Personen verhaftet. Die Zahl der Verletzten ist unbekannt. Aber der Flächenbrand war nicht mehr einzudämmen.

9. Oktober, Montag: Alles schaute auf Leipzig. Die Staatsmacht war fest entschlossen, in Leipzig ein Exempel zu statuieren und so dem Treiben auf den Straßen im Land ein Ende zu setzen. Zeitungsartikel schürten im Vorfeld die Angst vor dem Einsatz von Schusswaffen. Am Vormittag wurde in Schulen, Behörden und Institutionen davor gewarnt, am Abend in die Innenstadt zu gehen. Die Geschäfte dort sollten am Nachmittag schließen, Eltern ihre Kinder bis 15 Uhr aus den Kindergärten und -krippen abholen. In der Stadt kursierten die wildesten Gerüchte: Blutkonserven und Betten seien in den Krankenhäusern aufgestockt worden, Experten für Schusswaffenverletzungen angefordert. Die Nationale Volksarmee (NVA) sei in Alarmbereitschaft, NVA-Angehörige evakuierten ihre Familienangehörigen. Panzer seien gesichtet worden, der Schießbefehl sei ausgegeben.

Die Leipziger kamen trotzdem oder genau deswegen. Es war ein Tag, an dem sie alle das Gefühl hatten, sich entscheiden zu müssen. Viele sagten später, sie hätten es nicht verantworten können – weder vor sich, noch ihren Kindern gegenüber – an diesem Montag nicht Farbe bekannt zu haben.

Am Abend reichte die Nikolaikirche nicht aus, um die Besucher zu fassen. Drei weitere Kirchen öffneten ihre Türen für das Montagsgebet. Auf den Straßen sammelten sich in dieser Zeit immer mehr Menschen. Wer war potenzieller Demonstrant, wer nur neugieriger Passant? Die Einsatzkräfte hätten alle verhaften müssen, um die Demonstration zu verhindern. Nach den Friedensgebeten strömten die Teilnehmer dorthin, wo die Demonstrationen der vergangenen Wochen hingeführt hatten: zum Innenstadtring. Es waren so viele, dass dieser am Ende vollständig gefüllt war. Die Verantwortlichen aus Leipzig riefen in Berlin an. Was sollten sie tun? Eingreifen oder nicht? Egon Krenz, einer der Stellvertreter von Erich Honecker und verantwortlich für die Sicherheitsfragen, ließ sich Zeit. Ehe er zurückrief, hatten die vor Ort eingesetzten Kräfte vor der Masse der Leute kapituliert. Eine Auflösung der Demonstration wäre zu einem unkalkulierbaren Risiko geworden. Es sollen 70.000 Menschen gewesen sein.

Das war der Beginn der nachfolgenden tiefgreifenden Veränderungen. Am 18. Oktober musste Erich Honecker nach einer Palastrevolte zurücktreten und sein Nachfolger Egon Krenz versuchte zu retten, was zu retten nicht mehr war. Die Demonstrationswelle im Land schwoll an und ließ sich nicht mehr bremsen. Allein in Ost-Berlin soll es etwa eine halbe Million Menschen gewesen sein, die in der Woche zwischen dem 23. und dem 29. Oktober in 130 Protestzügen in der Stadt unterwegs gewesen ist. Das Ministerium für Staatssicherheit notierte akribisch die Orte, Teilnehmerzahlen, die Losungen auf den Transparenten und die skandierten Sprüche. „Bei jeder Demonstration trugen die schockierten Spitzel zusammen, was sie hörten und lasen. Jeder Spruch hätte noch kurz zuvor eine Zuchthausstrafe eingebracht. Jetzt füllten sie lediglich Aktenordner“, formuliert es der Historiker Ehrhart Neubert.

Die Auseinandersetzungen gingen auch nach der Maueröffnung weiter, denn die faktisch allein herrschende Staatspartei, die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED), wollte ihre Macht natürlich nicht freiwillig aufgeben. Sie saß noch in jedem Betrieb, in jeder Behörde, hatte die Macht in der Regierung. Am 7. November trat diese zurück, aber es folgte eine Regierung, in der die SED noch immer die Mehrheit hatte. Anfang Dezember wurden in den einzelnen Bezirks- und Kreisstädten die Gebäude der Staatssicherheit besetzt. Die SED musste sich mit der Opposition an einen Runden Tisch setzen. Im Land wurde weiter demonstriert, in Betrieben und Gefängnissen gestreikt. Erst mit dem Sturm der Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin, im Januar 1990, war der Machtkampf entschieden. Jetzt wurden die ersten wirklichen Wahlen für die Volkskammer am 18. März vorbereitet. Am 3. Oktober 1990 vereinigten sich, begleitet von harten Debatten, die beiden Teile Deutschlands.

Diese Massenmobilisierung im Herbst 1989 in der DDR ist bis jetzt einmalig. Der Protest blieb weder auf bestimmte Bevölkerungsgruppen noch auf einzelne Städte oder Regionen beschränkt, sondern setzte ein ganzes Land in Bewegung.

Enden möchte ich mit einem Zitat von Bärbel Bohley: „Der Herbst 1989 in der DDR ist die Geschichte der Selbstorganisation der aufgestauten demokratischen Potenziale in fast allen Schichten der Bevölkerung. Für mich ist nicht der Zusammenbruch des verdorrten Staatsgerippes der Diktatur der maßgebliche Vorgang, sondern der großartige Aufbruch der Bürger, der ihn bewirkte.“