Wendezeiten/Zeitenwende: Dissidenten als Zeitzeugen

Ein Projekt des philoSOPHIA e.V. [wendezeiten.philoPAGE.de]


Wendezeiten/Zeitenwende im Jahr 1989/90: Dissidenten als Zeitzeugen

Quelle: Mit freundlicher Genehmigung der Robert-Havemann-Gesellschaft/Dirk Vogel
Quelle: Mit freundlicher Genehmigung der Robert-Havemann-Gesellschaft/Dirk Vogel
Stephan Bickhardt, Jg. 1959; Theologe/ Pfarrer, Autor; Mitglied der Friedens- und Bürgerrechtsbewegung in der DDR; aktiv in der Bewegung für einen Sozialen Friedensdienst 1980; Mitverfasser und Unterzeichner der "Initiative für Blockfreiheit in Europa"; Leiter des Untergrundverlages der Radix-Blätter; Mitarbeit in der "Initiative für Frieden und Menschenrechte"; Gründungsmitglied in der Initiative "Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung" und von "Demokratie Jetzt"; Kontaktperson zur "Charta 77"; lebt in Markkleeberg bei Leipzig.

Das Projekt "Wendezeiten-Zeitenwende" wurde gefördert durch:




Beitrag Stephan Bickhardt | philoSOPHIA e.V.


Weiter in die 80er Jahre.


Mein Weg zur Initiative für Demokratie



Hinweis: Dies ist der zweite Text von Stephan Bickhardt. Der erste Beitrag berichtet - chronologisch früher - aus der Zeit ab 1968. Beitrag lesen »

Die Lehre zum Beruf des Werkzeugmachers – umständlich hieß das Facharbeiter für Fertigungsmittel – begann ich in Dresden 1976. Der Wechsel zwischen theoretischer Ausbildung in der Berufsschule und praktischer an der Werkbank schien mir ganz normal und auch interessant zu sein. Früh am Morgen quälte ich mich ziemlich zum Betrieb, wurde aber mit der Zeit ganz wach. Denn es stimmte etwas nicht an dieser praktischen Ausbildung. Wochenlang sollten wir an Drehautomaten stehen und die Produktivität des Nähmaschinenteilewerkes steigern, Planerfüllung hieß das. Das verstößt doch gegen den Ausbildungsplan dachten wir Lehrlinge. Wir sprachen das an und nichts änderte sich. Einige Lehrlinge, darunter mein Freund Arne Mai, verabredeten sich und erschienen nicht zur Arbeit, wenn solche Produktionseinsätze angesetzt waren. Das sorgte für Wirbel, denn Arbeitsniederlegung oder Streik waren nicht vorgesehen im Arbeiter- und Bauernstaat.
Merkwürdigerweise erhielten wir aber keine Strafen.

Eines Tages rückte ein Fernsehteam des Wirtschaftsmagazins Prisma aus Berlin - Adlershof an und wollte zu unserer Kritik eine Fernsehaufnahme zeichnen. Ich weiß bis heute nicht, wie dies zustande kam. Der Schulleiter bat mich einen neuen Arbeitsanzug anzuziehen. Ich wurde in eine blitzsaubere Halle unserer Berufsschule geführt. Da stand ich nun an einer Werkzeugmaschine und konnte meine Kritik in die Kamera sprechen. Am 23. März 1978 sendete Prisma 20 Uhr im DDR-Fernsehen. Wir Auszubildenden hatten nach wie vor keine Benachteiligungen zu befürchten. Jedoch wurde einige Tage später der Schulleiter von seiner Aufgabe entbunden. Dies empörte mich. Herr Hertwig war es, der mir einen Lehrvertrag ermöglicht hatte und mir die in Zeugnissen bescheinigte „mangelnde gesellschaftliche Mitarbeit“ nicht zum Nachteil auslegte. Außerdem war mir klar, dass er nicht für diese Produktionseinsätze verantwortlich war. Auf Weisung des Betriebsdirektors, wie es hieß, musste er uns in die Produktion schicken. Hätte er nicht Nein sagen können? Die Entlassung des Schulleiters empfand ich als ungerecht und hatte nun das verlogene DDR-System von innen kennen gelernt.

Inzwischen hatte sich aber überhaupt nichts geändert an der Situation. Ich schrieb zwei Tage nach der Fernsehsendung eine „Eingabe zur Situation in der Berufsausbildung bei Produktionseinsätzen!“ und richtete diese an die Chefin der Abteilung Berufsausbildung der Stadt Dresden. Es gab keine andere Beschwerdemöglichkeit als solche „Eingaben“ zu verfassen. „Trotz der Kritik an unserem Betrieb waren erneut im 2. Lehrjahr Produktionseinsätze für Lehrlinge. Ich bitte Sie, die Gesetze und Bestimmungen zu prüfen, ob diese Handhabungen den Grundsätzen der Berufsausbildung entsprechen.“ Wir wussten natürlich, dass solche Produktionseinsätze die Ausbildungszeit verkürzten und nicht den Bestimmungen entsprachen. Aber was schrieben wir damals nicht alles, um wenigstens das zu erreichen, was einem zustand. Nur wenige Tage später erhielt ich die Antwort von Frau Ackermann. „Werter Jugendfreund Bickhardt! Ich habe Ihre Eingabe vom 25. 10. 78 aufmerksam gelesen. Damit wir die damit verbundene Problematik ordnungsgemäß lösen können bitte ich Sie zu einem Gespräch…“ Es erfolgt die Orts- und Zeitangabe und die übliche Verabschiedung „mit sozialistischem Gruß“.

Wenn ich mich an die Zeit damals erinnere, erinnere ich auch, was ich nicht erinnere. Das Gespräch bei der Abteilungsleiterin erinnere ich nicht mehr. In meinen Unterlagen findet sich aber noch ein zweiseitiges Arbeitsblatt mit der Überschrift „Fragenkomplex“ zur Vorbereitung auf dieses Gespräch. „Steht mir Einsicht in Lehrpläne zu? … Wem gegenüber ist der Berufsschullehrer rechenschaftspflichtig? …Gibt es Rechtfertigung für Produktionseinsätze? Ich möchte gern verbindliche Erklärung haben mit praktischen Vorschlägen für uns Lehrlinge. … In der Vergangenheit und heute hat dieses Problem zu vielen Diskussionen geführt. Wir sahen keine guten Möglichkeiten mit unserer Schulleitung darüber bei gleichem Mitspracherecht uns auseinander zu setzen. Daraus erschien mir auch ersichtlich zu sein, dass die Produktionseinsätze auf keinem legitimen Boden stehen.“ Außerdem schlage ich einen „Abteilungsdurchlauf“ vor. Den Betrieb und die Fertigungsstufen von Nähmaschinenteilen kennen zu lernen, schien im Unterschied zu den wochenlangen Produktionseinsätzen sinnvoll zu sein. Und schließlich schlage ich ein Forum zur Diskussion vor. „Dies könnte im Einzelnen auf einem Forum mit Lehrlingen besprochen werden.“

Nun hörten die Produktionseinsätze an unserer Berufsschule auf. Mich nahm dieses notwendige zähe Ringen überhaupt nicht ein für den DDR-Staat. Ich wollte eigentlich studieren und das wurde mir sowieso verwehrt. In diese Situation hinein traf es sich günstig, dass der Pfarrer Eduard Berger in die Dresdner Weinbergskirche einlud. Das war am 7. Oktober 1978, dem so genannten Republikgeburtstag der DDR. Im Rahmen eines Abendgottesdienstes las er am Lesepult aus dem regimekritischen Werk des Philosophen Rudolf Bahro „Die Alternative. Zur Kritik des real existierenden Sozialismus“ vor, schon im August 1977 im Westen erschienen. Ein ungeheuerlicher Vorgang. Ein Pfarrer las Passagen eines Buches vor, die ein Marxist in der DDR in kritischer Absicht geschrieben hatte. Danach lud der Pfarrer zu einer Diskussion in sein Wohnzimmer ein. Die Diskussion rankte sich um die Begriffe Entfremdung, Subalternität und politische Reformation. Mich beeindruckte dieses Gespräch insbesondere zum Punkt der Subalternität, dieser Gehorsamspflicht dem nächst Untergebenen gegenüber. In dem abendlichen Kreis begann eine Diskussion, die nicht enden würde, war mein Eindruck. Die wenigen Exemplare, die aus dem Westen in den Osten geschmuggelt worden waren, gingen von Hand zu Hand. Lesekreise bildeten sich.

Es gab noch nicht viele Verbindungen zwischen den kirchlichen und für politische Fragen aufgeschlossenen Leuten sowie den gesellschaftskritischen, oftmals marxistischen. Rudolf Bahro stellte solche Verbindungen her. Bahro schreibt: „Wie ich gezeigt habe, ist die vorgefundene Ordnung quasi kirchlich formiert, so dass es nahe liegt, für die Perspektive der Partei das Muster der Reformation in Anspruch zu nehmen. …Wie Kirchenreformation die christliche, so setzt Parteireformation die kommunistische Gesinnung voraus.“ (S.412f) Bahro gab Christen reichlich Gesprächsstoff. Er selbst kam ins Gefängnis. An seiner Kritik gefielen mir die Passagen über die Emanzipation des Einzelnen, die freie Selbstorganisation, die Bedeutung der Gruppen – gegen die Apparateherrschaft der Sozialistischen Einheitspartei und ihrer Massenorganisationen. Er schreibt: „Zur persönlichen Kommunikation, ohne die die Menschen weder Individualität erleben noch entwickeln können, bedarf es nach aller psychologischen Erkenntnis und sozialen Erfahrung des Rahmens der kleinen Gruppen. Der aber stellt sich nur her, wenn sich mehrere zu solchen Zwecken vereinigen, die die ich-beteiligte Mitwirkung eines Jeden verlangen, wo sie also nicht als ersetzbare Durchschnittsindividuen, sondern als bestimmte Personen gebraucht werden.“ (S. 349). Die Gruppe sollte dann das Lebenselixier der kritischen Leute meiner Generation werden, allerdings ohne marxistische Überzeugung.

Im Sommer1980 fuhr ich mit einigen Ostdeutschen zusammen zu einem Versöhnungsdienstlager nach Krasiczyn in den südöstlichen Zipfel Polens. Studenten aus den Jugendsektionen der Klubs der katholischen Intelligenz in Breslau/Wroclaw und Krakau/Krakow trafen sich mit einigen jungen Leuten der Aktion Sühnezeichen in diesem Dorf. Ich reiste allein an. Ein unvergessliches Ereignis war der leer stehende Busbahnhof im Przemysl. Von dort wollte ich mit dem Bus in das etwa 20 Kilometer entfernte Krasiczyn fahren. Doch die Busfahrer streikten und unterstützten damit die Arbeiter auf der Leninwerft in Danzig/ Gdansk, die für die Zulassung der unabhängigen Gewerkschaft Solidarnosz kämpften. Ich bekam ein Hochgefühl. Die Welt würde sich verändern. Mit Begeisterung lief
ich zu Fuß in das polnische Dorf. Und die Krakauer Studenten in unserer Gruppe hatten gerade ein unabhängiges Studentenkomitee ausgerufen. Die Diskussionen vom Nachmittag bis in die Nacht befeuerten mich. Ich war aus Naumburg/ Saale gekommen. Dort hatte mich eine Kirchliche Hochschule zum Studium der Theologie angenommen.

Es lässt sich schwer beschreiben, was in mir vorging. Die Hoffnungen der jungen Leute in Polen waren stark, sie wollten Veränderung. Und sie verehrten den polnischen Papst Johannes Paul II. und den jungen Arbeiterführer Lech Walesa. Das Wort Unabhängigkeit wurde immer bedeutsamer. Sich nicht mehr abarbeiten im Kampf gegen das System, sondern eigene Gruppen bilden, unabhängige Strukturen schaffen, Freiheit und Solidarität inmitten von Unfreiheit leben. Nach Naumburg und meine Heimatstadt Dresden zurückgekehrt, empfand ich zunächst die Schwere und Unveränderlichkeit im DDR-Staat bedrückend. In Polen hatte ich schließlich auch von den stalinistischen Verbrechen bis in die 50er Jahre hinein gehört, dem millionenfachen Morden im Namen der kommunistischen und sozialistischen Ideologie. Und wie erging es den politischen Gefangenen in der DDR? In den letzten Augusttagen 1980 traf ich in der schon genannten Dresdner Weinbergskirchgemeinde den Jugendpfarrer Christoph Wonneberger. Wir saßen in seiner Dachgeschosswohnung und erzählten vom Sommer. Er war auch in Polen gewesen, in Warschau. Und dort hatte sich ihm eine Szene eingeprägt. Frauen hatten eine große Zahl von Blumen besorgt und überreichten sie Polizisten. Ein Demonstrationszug harrte schon eine halbe Stunde vor einer Polizeikette aus. „Das ist passiver Widerstand“, sagte Christoph.

Nach diesem polnischen Sommer musste etwas passieren. Dieses Gefühl hatten viele. Der real existierende Sozialismus war von Grund auf erschüttert. Die Unabhängigkeit der Gesellschaft – daran war nicht zu denken in der allseits kontrollierten DDR. Aber eines trieb die Menschen um, die Friedensfrage und die extreme Militarisierung der Gesellschaft durch den von der SED gelenkten Staat. Wir waren uns in den Diskussionen schnell einig, dass die Friedensfrage im Focus einer neuen Initiative stehen sollte. Jetzt galt es nicht mehr nur von anderen etwas zu fordern, vom Westen etwa. Jetzt wollten wir etwas tun. Christoph Wonneberger hatte die Idee einen Sozialen Friedensdienst (SoFd) als mögliche Alternative für alle wehrpflichtigen jungen Männer zu fordern. Das kam an, auch bei mir. Junge Männer sollten in sozialen und ökologischen Projekten Sinnvolles tun können. Wonnebergers Kritik am realen Sozialismus ging weit. Er sprach in seinem Erstentwurf zum Aufruf von „der schwindenden Verteidigungswürdigkeit der realsozialistischen Verhältnisse“. Dies war eine äußerst scharfe Kritik und wir waren uns im Klaren, dass Klartext geredet werden muss.

Die Diskussionen mit Christoph Wonneberger waren aufregend, es ging um nichts weniger als um den Anfang der unabhängigen Friedensbewegung. Da war es wieder das Wort Unabhängigkeit. Im Aufruf wurden Jugendliche aufgefordert, an die Synoden, also die gewählten Körperschaften der Kirchen zu schreiben, damit eben diese bei der Volkskammer der DDR, dem Scheinparlament, fordern, die Regierung solle diesen Friedensdienst per Gesetz ermöglichen. Die Inanspruchnahme demokratischer Körperschaften war ein wichtiges Ziel der Aktion, um eben demokratisches Bewusstsein zu fördern. In Form von Kettenbriefen wurde die Aktion verbreitet. Man schrieb den Aufruf ab, versandte ihn mindestens zweifach an Freunde und forderte die Adressaten auf, gleiches zu tun. Jugendtreffen, Seminare, Diskussionen auf Kirchentagen folgten. Etwa 5000 Jugendliche schrieben Briefe an die synodalen Parlamente. In den Synoden wurden daraufhin neue Ausschüsse gegründet, um sich mit dieser neuen Jugendbewegung auseinander zu setzten. Sozialethische Ausschüsse, später hießen sie meist Ausschüsse für Frieden, Gerechtigkeit und Umweltbewahrung waren fortan wichtige kirchliche Einrichtungen – aus unabhängiger Initiative von unten herausgefordert. Mit SoFd waren die Friedensgruppen auf den Plan getreten. Ich konnte die Entstehung ein wenig mit gestalten und hatte fortan das Gefühl, mit der richtigen Idee kannst du etwas erreichen.

Die unabhängige Friedensbewegung, christlich inspiriert, bestimmte nun neben dem Studium mein Leben. Ab 1982 studierte ich in Berlin und viele neue Kontakte ergaben sich. Als aber ab Herbst 1983 neue Raketen mit atomaren Sprengköpfen in Deutschland West und Ost stationiert wurden, dachte ich wieder etwas Neues müsse passieren. Der Ruf nach Frieden und wechselseitig angeregter Abrüstung zwischen Ost und West griff nicht an die Ursachen der Probleme. Es gibt innergesellschaftliche, was die DDR betrifft staatlich organisierte Gründe für den Unfrieden. Mit meinem Freund Ludwig Mehlhorn begann ich auf eigenen Wegen über Gesellschaftskritik nachzudenken. Und dann kam das Jahr 1985, das wirkte wie eine neuerliche Zäsur. Die Initiative Frieden und Menschenrechte gründete sich, meine Freundin Kathrin Schulz wirkte daran mit. Ich fuhr gemeinsam mit Wolfram Tschiche nach Prag und lernte Mitglieder der Bürgerrechtsbewegung Charta 77 kennen. Mit Freunden aus Ost und West formulierten wir außerdem die Initiative für Blockfreiheit in Europa. Und Ludwig Mehlhorn und ich dachten über einen unabhängigen Verlag nach, der dann ab 1986 mit dem Label „radix-blätter“ oppositionelle Schriften, verborgen in einer Druckerei im hintersten Zimmer der Wohnung meiner Eltern hergestellt, vertrieb. Wir forderten Demokratie und eine Ende der Abgrenzung, also auch der Reiseverbote nach Polen und Westberlin und überhaupt dem Westen.

Ich spreche von oppositionellen Schriften im Untergrundverlag. Das ist unvollständig. Will man verstehen, was 1989 zur friedlichen Revolution führte, dann gehört es auch dazu die Rolle der freien Künstler und die Rolle der Kirchgemeinden und vieler mutiger Pfarrerinnen und Pfarrer anzusprechen. Und genau aus diesen Bereichen – einschließlich der Systemoppositionellen - kamen unsere Autoren und Graphiker im Verlag. Außerdem wollten wir leben, inspiriert sein. Ludwig Mehlhorn und ich organisierten Lesungen in Wohnungen im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Da begegneten sich Menschen, die sich noch nicht kannten, da gab es Verabredungen für neue Projekte, da kamen mit einem Tagesvisum Besucher aus Westberlin dazu. Die selbst organisierte Gesellschaft, bei allen Gefahren und der Verfolgung durch die Staatsicherheit, etablierte sich mehr und mehr. In jener Zeit gründete sich auf Initiative meines Freundes Ludwig Mehlhorn eine Initiative mit einem merkwürdigen Namen: „Initiative Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung“. Das war 1986. 25 Jahre sind genug mit der Berliner Mauer quer durch diese Stadt, das war unsere Meinung. Aber was sollte getan werden? Ludwig schlug vor den unscharfen Begriff der Abgrenzung in den Mittelpunkt der Betrachtungen zu stellen. Wo friedliche Leute prinzipiell vom Dialog mit anderen ausgeschlossen werden, ist etwas faul.

Als Theologe forderte mich die Debatte. Was heißt Absage? Das erinnert doch an das Taufzeugnis der Kirchen. Und wirklich, wir meinten nicht weniger als das die Berliner Mauer vom Bösen ist oder geworden ist, traditionell gesprochen, dass sie vom Teufel ist. Und der macht den Menschen ohnmächtig und so fühlten wir uns auch. Und wieder waren die gewählten evangelischen Synoden gefragt, ob sie eine solche Absage stellvertretend für die nach Freiheit strebende Gesellschaft aussprechen wollen. Das war zu viel für die Synoden. Aber wir hatten den Nerv getroffen, denn die Gesellschaft war krank geworden in ihrer Isolation. Wir thematisierten die inneren Abgrenzungen, die Dialogverweigerung der Herrschenden. Obwohl der Reformkommunist Michael Gorbatschow in Moskau seit 1985 an der Macht war, machten wir uns keine Illusionen über die Herrschenden in der DDR. Wir waren gewohnt zu verlieren, unsere Initiativen blieben immer nur Vorschläge, es kam aber eine Atmosphäre auf, vielleicht doch einmal – demokratisch –zu gewinnen.

Im Frühjahr 1988 herrschte Lethargie in den kritischen Gruppen. Wie soll es weiter gehen? Viele reisten in den Westen aus. Menschen fragten sich, warum noch hier bleiben. Und in der Tat, Veränderungen schienen aussichtslos. Ich empfand die Stimmung als bedrückend, bleiben oder gehen!? Nach all den Jahren hatte ich nie das Gefühl in den Westen gehen zu wollen, obwohl doch insgesamt fünf meiner Familienmitglieder diesen Weg gegangen waren. Wieder war es die Demokratiefrage, die ein kreatives Potential freisetzte. Mit dem Aufruf „Neues Handeln“ verbreiteten die Initiative Absage an Abgrenzung ab Pfingsten 1988 einen Vorschlag, sich kritisch an den ein Jahr - am 7. Mai 1989 - später stattfindenden Kommunalwahlen zu beteiligen. Unabhängige Kandidaten sollten aufgestellt werden. Die Initiative Kirche von unten rief außerdem zur unabhängigen Auszählung der Wahlen auf. Und es konnten Fälschungen nachgewiesen werden, vereinzelt schafften es sogar unabhängige Kandidaten auf die Einheitswahllisten, die allerdings nicht wirklich eine Alternative in der Entscheidung zuließen. Dieser Maitag war der Anfang der Demokratiebewegung.

Am 12. September 1989 trafen sich dann die Freunde der Bewegung „Absage an Abgrenzung“ und gründeten in einer Wohnung im Berliner Bezirk Friedrichhain die Bürgerbewegung „Demokratie Jetzt“. Es war wirklich aufregend. Ich war einige Tage zuvor 30 Jahre alt geworden. Nun leitete ich die abendliche Diskussion. Ein anderer hatte sich nicht gefunden. Mir war neben der Programmaussage „Demokratie Jetzt“ besonders wichtig eine Sozial- und Organisationsform für dieses Programm zu finden und zu nennen. Bürgerbewegung – darauf einigten wir uns nach langer Diskussion. Und gemeinsam mit der großen Bürgerbewegung des Neuen Forums und den mutigen Leipziger Demonstranten, die immer montags zu Tausenden um den Innenstadtring liefen, schon seit dem 25. September 1989, zwangen wir die Apparateherrschenden an den Runden Tisch – am 7. Dezember 1989. Die Herrschaft der SED war gebrochen.
Was aber sollte nun folgen? Schon wieder drängten sich Fragen auf. Diese sollten aber ein Ausmaß annehmen, das andere auf den Plan rief. Ich denke seither oft, solche Menschen hat das Jahr 1989 auf den Plan gerufen, die sich noch nicht verausgabt hatten, Wolfgang Thierse und Angela Merkel zum Beispiel, aber auch viel weniger bekannte Persönlichkeiten, die damals demokratiebegeistert waren und heute in Kommunalparlamenten, Personalräten oder zu Hause sitzen. Ich jedenfalls ging nach einer ganz kurzen politischen Karriere in meinen Beruf, endlich könnte ich heute sagen. Auch das ist ein Freiheitsrecht, aber keines das einen Rückzug ins Private rechtfertigen würde. Auch heute mag ich immer noch das Wort „Selbstorganisation“ und denke an die brutal politisch verfolgten im Iran und in Syrien.