Wendezeiten/Zeitenwende: Dissidenten als Zeitzeugen

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Wendezeiten/Zeitenwende im Jahr 1989/90: Dissidenten als Zeitzeugen

Quelle: Mit freundlicher Genehmigung der Robert-Havemann-Gesellschaft/Dirk Vogel
Quelle: Mit freundlicher Genehmigung der Robert-Havemann-Gesellschaft/Dirk Vogel
Stephan Bickhardt, Jg. 1959; Theologe/ Pfarrer, Autor; Mitglied der Friedens- und Bürgerrechtsbewegung in der DDR; aktiv in der Bewegung für einen Sozialen Friedensdienst 1980; Mitverfasser und Unterzeichner der "Initiative für Blockfreiheit in Europa"; Leiter des Untergrundverlages der Radix-Blätter; Mitarbeit in der "Initiative für Frieden und Menschenrechte"; Gründungsmitglied in der Initiative "Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung" und von "Demokratie Jetzt"; Kontaktperson zur "Charta 77"; lebt in Markkleeberg bei Leipzig.

Das Projekt "Wendezeiten-Zeitenwende" wurde gefördert durch:




Beitrag Stephan Bickhardt | philoSOPHIA e.V.


Alles fing 1968 an.


Mein Weg zur Kritik am Sozialismus



Ich war 9 Jahre alt. Der Sommer war herrlich und ich ging mit meinem Vater Peter am Hang des Osterzgebirges nahe dem Örtchen Falkenhain entlang. Soldaten lagen in kleinen Grüppchen auf der Bergwiese, zwei Jeeps und ein gepanzertes Fahrzeug standen am Wegesrand. Mein Vater ging auf die Soldaten zu, ich folgte ihm. Er sprach die Soldaten an. Junge Kerle, sie redeten russisch, irgendwie wirkten sie aufgeschlossen. Sowjetische Truppen auf den Wiesen und in den Wäldern des Erzgebirges Mitte August 1968 – was soll das? „Sie werden in die CSSR einmarschieren“, sagte mein Vater. Wieso in die Tschechei – so nannten wir die Tschechoslowakei damals umgangssprachlich – einmarschieren?

Mein Vater begann mir zu erklären, dass wir doch Hoffnung auf den „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ hatten. Wir waren mehrmals von Dresden nach Prag gefahren, haben Zeitungen mitgebracht, kritische. In Prag erschien eine Reformzeitung in deutscher Sprache. Im Trabbi wurden die Zeitungen unter dem Sitz verstaut und sollten am Grenzübergang in Zinnwald nicht entdeckt werden. Meine Eltern waren begeistert vom Prager Frühling und dem Parteichef der Kommunisten in Prag, Alexander Dubcek. Er hatte damit begonnen, einen Sozialismus mit Meinungsfreiheit einzuführen. Nun sollte Schluss damit sein, das Experiment sollte gewaltsam beendet werden.

Die Soldaten überschritten den Kamm des Erzgebirges und besetzten gemeinsam mit anderen Ländern des Warschauer Vertrages das Land mit ihren Jeeps und vor allem mit ihren Panzern. Junge Leute starben in diesem Sommer auf den Straßen, sie hatten sich gewehrt, vor die Panzern gestellt, passiv Widerstand geleistet, die Straßenschilder nach Moskau hin gedreht und „Moskva“ darauf gesprayt, manchmal auch in russischer Sprache. Meine Eltern hatten wochenlang davon geschwärmt, dass der Parteichef Dubcek häufig zu Fuß, also wie ein Bürger unter anderen, von seinem Büro auf der Prager Burg nach Hause ging und unterwegs in der Abendstunde mit Bürgern ins Gespräch kam. Das kannten wir nicht aus der DDR, die Oberen der Sozialistischen Einheitspartei (SED) unterhielten sich nicht mit jedermann und waren folglich gar nicht an der Meinung anderer interessiert. Dieser Kasernensozialismus, diese Diktatur einer Parteigruppe geht wenigstens in Prag zu Ende, dachten viele.

Nein, mit und nach dem 21. August 1968 wurde für mich ein unvorstellbares Leid über Menschen gebracht. Ich hatte die jungen Soldaten gesehen und im Radio von ihrem brutalen Einmarsch gehört. Über Nacht wurde ich ein politisches Kind. Damals lebten wir in einem Vorort von Dresden, in Niedersedlitz. Ich ging in die 3. Klasse und wir hatten nicht viele Schulstunden zu absolvieren, allerdings mussten wir auch noch samstags zur Schule gehen. Ich kam mittags nach Hause. Nach dem Mittagessen stellte ich das Radio an, das Westradio, wie es damals hieß. Aus Köln wurde der Deutschlandfunk gesendet. Um ein Uhr kamen die ausführlichen Nachrichten, 10 Minuten lang. Ich war ein politischer Mensch geworden ohne das zu wollen.

Übrigens von dieser Falkenhainer Höhe aus, an eben dem Ort, wo die sowjetischen Soldaten lagerten vor dem Einmarsch in die Tschechoslowakei, hatte mein Vater als Kind den Bombenangriff auf Dresden am 13. Februar 1945 aus verfolgt. Da gibt es viel zu begreifen für einen Heranwachsenden – das, was mein Vater als Kind erlebt hatte und das, was ich nun gesehen hatte. Soldaten marschieren in ein friedliches Land ein und töten, das konnte ich nicht begreifen und verstehen. Ich begann zu fragen. Manchmal konnte ich kaum aufhören damit. Und es gab noch ein Ereignis im Jahr 1968, das mich gleichfalls berührte und erschütterte. Eines Tages saß meine Mutter Charlotte am Küchentisch und weinte. Ich sah keinen erkennbaren Grund. Umso mehr war ich erschrocken und fragte nach.

Am 30. Mai 1968 war die Leipziger Universitätskirche St. Pauli auf dem Augustusplatz - im Zentrum der Stadt gelegen - gesprengt worden. Der damalige Parteichef der Kommunisten Walter Ulbricht stammte aus Leipzig und hatte schon jahrelang gebohrt, dass diese Kirche, die bei jungen Leuten sehr beliebt war vom Universitätsgelände verschwinden sollte. Es hielt sich hartnäckig das Gerücht, dass Ulbricht vom nahe gelegenen Balkon aus, mit der Hand auf die Kirche weisend, gesagt haben soll: „das Ding muss weg“. Jahrelang gab es Proteste und unter dem Vorwand eine neuen Campus bauen zu wollen wurde die Kirche und später das Universitätshauptgebäude mit Namen „Augusteum“ gleich nebenan in die Luft gesprengt. Am Zaun um das Gelände legten tausende Menschen Blumen ab oder machten mit einem stillen Spaziergang ihren Protest noch vor der Sprengung kund.

Meine Mutter nun hatte zu den Leipziger Studierenden gehört, die insbesondere gern zu den Orgelkonzerten von Universitätsorganist Robert Köbler gegangen waren. Wenige Tage nach der Sprengung der Kirche, die auch die Orgel in Schutt und Asche legte, bekam der sensible Organist einen Herzinfarkt und starb. Er hatte diese Sprengung nicht verkraftet, er empfand das alles als einen geradezu endgültigen Angriff auf die christlich geprägte Kultur und Musik. Seien Ehefrau und Tochter leben heute noch in Leipzig. Meine Mutter hörte von diesem dramatischen Tod und weinte, sie war untröstlich, fühlte sich ohnmächtig. Mich hat diese Situation ergriffen. Ein Mensch war gestorben, weil seine Kirche ganz bewusst zerstört worden war. In was für einer Umgebung lebte ich, die meine Mutter aus diesem Grund zum Weinen brachte? Was ist das nur für ein Land, für ein Staat? Das Jahr 1968 hielt also ein zweites Ereignis für mich parat. Diese noch vor dem Sommer liegenden Maitage brachten das erste Mal so etwas wie Wut in mir auf. Einfach weil die Mutter weinte.

Und noch anderes brachte mich ins Fragen. Meine Großeltern väterlicherseits waren am 20. Mai 1960, also wenige Monate nach meiner Geburt von Dresden nach München in den Westen, in die Bundesrepublik geflohen. Zuvor hatten dies schon zwei Brüder meines Vaters getan. Das war 1955, die wollten studieren, einfach studieren, was sie wollen, das ging im Westen einfacher als in der DDR. Nun kam die Oma nach dem Tod ihres Mannes immer im Sommer angefahren, manchmal schickte sie auch eine blau-bunte Alpenpostkarte und um die Weihnachtszeit dicke Pakete. Mir ging das alles nicht in den Kopf. Sie, die alte Dame kam zu uns. Wir, die Familie aber diskutierten gar nicht darüber einmal zu ihr zu fahren. Und Großmutter war streitlustig, schimpfte über Politiker im Westen, das war spannend anzuhören, aber über die Politiker im Osten schimpfte niemand so richtig – aus Angst, wie ich später erfuhr.

Wie nur soll man das alles verstehen? Ein Kirche fliegt in die Luft, das friedliche Nachbarland findet sich in einem Krieg wieder, die Großeltern haben meine Heimatstadt bei Nacht und Nebel verlassen - wir hatten auch noch ihre Möbel übernommen, die mein Vater heimlich aus seinem versiegelten Elternhaus mit Freunden herausgeholt hatte - und dann war da noch mein Großvater Reinhold, der Vater meiner Mutter, er hatte mehr als 2 Jahre seit dem 9. Februar 1960 aus politischen Gründen im Gefängnis der Staatsicherheit der DDR gesessen. Das wollte ich alles verstehen, rauskriegen, was dahinter steckt. Und meine Fragen wurden immer mehr beantwortet, auch weil meine Eltern sahen, dass ich dauernd vor dem Radio saß und Nachrichten hörte. Nachdem mir mein Vater erzählt hatte, dass in der Nachbarschaft ein Mann abgeholt und ins Gefängnis gesteckt worden war, weil er einen Witz über Walter Ulbricht, den Staats- und Parteichef erzählt hatte, war es aus.

Auch in der Schule begann ich zu diskutieren. Der Staatsbürgerkunde- und der Geschichtsunterricht waren mir mit den ideologisch einprägsamen Floskeln suspekt. Gerade im Staatsbürgerkundeunterricht konnte die vermeintlich schon „entwickelte sozialistische Persönlichkeit“ im „real existierenden Sozialismus“ mit der selbst wahrgenommenen Wirklichkeit widersprüchlich verglichen werden. Es musste nur einer beginnen seine eigenen Eindrücke auszusprechen. Für manchen kritischen Jugendlichen war es geradezu eine selbst gestellte Aufgabe auf solche Widersprüche zwischen angeblich schon verwirklichtem Ideal und der Wirklichkeit hinzuweisen. Die so genannte wissenschaftliche Weltanschauung vom Sozialismus verstrickte sich beständig in Widersprüche. Ein geflügeltes Wort kannten viele Jugendliche, es hatte Walter Ulbricht in den 50er Jahren ausgesprochen. Es hieß: „überholen ohne einzuholen“. Damit war die Überlegenheit der Wirtschaftsmacht der DDR gegenüber der Bundesrepublik behauptet worden. Allerdings blieb diese Behauptung nur ein Vorsatz.

Zum Widerspruch in den 70er Jahren regte mich vor allem die vormilitärische Ausbildung in der Schule an. Der Wehrkundeunterricht sollte eingeführt werden, das Manöver Schneeflocke abgehalten und Atomschutzübungen absolviert werden. Solchen Übungen verweigerte ich mich, außerdem war ich weder Mitglied der Jungen Pioniere noch der Freien Deutschen Jugend (FDJ). Diesen Weg einzuschlagen fiel mir leichter als anderen. Denn ich kam aus einem evangelischen Pfarrhaus, da erwartete man schon fast kritisches Verhalten, vor allem deshalb, weil die staatlichen Kinder- und Jugendorganisationen ein atheistisches Weltbild verbreiteten. Mir genügte es aber nicht abseits zu stehen. Ich wollte selbst Antworten versuchen. So organisierte ich im Alter von 15 Jahren im Pfarrhaus einen Jugendtreff.

Wir Jugendlichen nannten den Treff „Asyl“. Dort erhielten keine Kinder von Flüchtlingen Asyl, sondern wir selbst wollten ein Asyl für unsere Gedanken, für den freien Meinungsaustausch und für jugendgemäße christliche Musik finden. Der Raum war beliebt, es kamen auch nichtkirchliche Jugendliche. Wir lasen Texte zum Beispiel von Sophie Scholl oder dem nikaraguanischen Priester Ernesto Cardenal. Ein „Brief aus Kalkutta“ über die Armut in Indien, verfasst von der ökumenischen Ordensgemeinschaft Taize/ Frankreich erschütterte uns. Die ersten trugen dann lange Haare, zogen Jeans, Jesuslatschen und grüne Kutten, traten einfach anders auf, hörten Jazz und Blues. Ich entdeckte den regimekritischen Dichter Reiner Kunze. Sein Gedichtband „Brief mit blauem Siegel“ drückte aus, was einige empfanden. In einem der Gedichte heißt es: „…der wolf ist tot!/ im märchen, tochter, nur/ im märchen“.

Über die evangelischen Jugend kam ich 1976 zur Aktion Sühnezeichen, einem Versöhnungsdienst, der die junge Generation aufrief für sichtbare Zeichen einer Vergebungsbitte gegenüber Polen, Israel und anderen durch den Nationalsozialismus Leid tragenden Völkern einzustehen. Wir arbeiteten in so genannten Sommerlagern. Ich fuhr im Sommer 76 nach Berlin-Weißensee auf den dortigen jüdischen Friedhof und nahm an einem Sommerlager mit polnischen und deutschen Jugendlichen teil. Vormittags halfen wir bei der Arbeit auf dem Friedhof und nachmittags diskutieren wir. Die Polen waren freier, ziemlich ungewöhnlich auch, wie die sich kleideten. Einer – er sprach immer davon, wir sollten über Freiheit diskutieren, weil sie uns vorenthalten würde – trug mitten im Sommer eine Pudelmütze. Im Sozialismus ist es kalt für die Menschen, das konnte man ihm ansehen. Er hieß Marek Suchar und lebt heute in Danzig. Und wir hörten schon von ersten Studentenstreiks in Krakau/Krakow. Abends saßen wir am Feuer. Wir kamen uns näher und ich hörte: sie alle aus Polen hatten Verwandte im 2. Weltkrieg verloren. Ich fragte nach diesem Sommer meinen Großvater, was er im Krieg getan hat. Und er erzählte mir, dass er erst in die NSDAP eingetreten, dann ausgetreten und doch wieder eingetreten war, dass er in den letzten Kriegstagen in Richtung Tschechien marschieren musste und dass er in der Rüstungsindustrie gearbeitet hatte. Wer war damals gegen Hitler, fragte ich mich und wer kritisiert heute die Verhältnisse.

In einer Novembernacht kam aus „meinem“ Deutschlandfunk das Kölner Konzert des DDR-Liedermachers Wolf Biermann. Er hatte überraschend eine Ausreisegenehmigung nach Köln erhalten. Auf meinem selbstgebauten Röhrenradio hörte ich zu und traute meinen Ohren nicht. Da kritisierte jemand ganz offen die Verhältnisse in der DDR, und sagte auch noch, dies als Kommunist zu tun. Er sprach über die Stasi, das Ministerium für Staatssicherheit, das viele fürchteten, er sprach von Bonzen, die das Volk belügen und dann sang er Lieder mit so klaren Sätzen, die ich mir gemerkt habe. Solche Zeilen: „drum lass dich nicht verhärten in diese harten Zeit“ oder „wer sich nicht in Gefahr begibt der kommt drin um“. Das Jahr 1976 war für mich ein Jahr vergleichbar dem diesem Anfang mit dem Jahr 1968. Ich begann neue Fragen zu stellen.

Bei der ersten Musterung auf dem Wehrkreiskommando in Dresden 1977 wollte ich mich um den Armeedienst drücken, ich aß 7 Eier und mein Cholesterinspiegel ging für die aktuelle Untersuchung hoch. Außerdem konnte ich auf meine Rückenprobleme hinweisen, ich wurde ausgemustert. Später habe ich dann den Wehrdienst total verweigert. Zuvor war ich aber schon den ersten Kompromiss mit dem System eingegangen. Obwohl ich gute und sehr gute Schulnoten hatte durfte ich kein Abitur und auch keine Berufsausbildung mit Abitur machen. Ich trat in die FDJ ein und erhoffte mir, so wenigstens eine normale Lehrausbildung in einem von mir gewünschten Beruf zu erhalten. Zugleich ärgerte mich aber diese Entscheidung, dieser faule Kompromiss. Ich konnte den Beruf des Werkzeugmachers erlernen, hatte mir aber mit dem Eintritt in die staatliche Jugendorganisation vorgenommen wenigstens kritisch zu bleiben. Heute bin ich froh darüber immer wieder Menschen getroffen oder von ihnen gehört zu haben, die mit in diesen Jahren 1968 bis 1977 halfen zu sehen: dieser Staat muss anders werden.

Hinweis: An diesen Text schließt ein zweiter Beitrag von Stephan Bickhardt an:
"Weiter in die 80er Jahre. Mein Weg zur Initiative für Demokratie" »