Wendezeiten/Zeitenwende: Dissidenten als Zeitzeugen

Ein Projekt des philoSOPHIA e.V. [wendezeiten.philoPAGE.de]


Wendezeiten/Zeitenwende im Jahr 1989/90: Dissidenten als Zeitzeugen

Pavel Seifter, Jg. 1938; Senior Visiting Fellow am Zentrum für das Studium der Global Governance; tschechischer Botschafter seines Landes bis zu seiner Pensionierung von 1997 - 2003; bis zum Einmarsch der sowjetischen Truppen 1968 Dozent für Sozial- und Zeitgeschichte; danach schloss er sich der Dissidentenbewegung an und arbeitete bis 1989 als Fensterputzer; Unterzeichner der "Charta 77"; hielt Verbindung mit der DDR- Opposition; Mitbegründer des Instituts für Zeitgeschichte in Prag; stellvertretender Direktor des Institute of International Relations; von 1993 bis zu seinem diplomatischen Dienst in London Direktor für Außenpolitik unter Präsident Václav Havel; lebt in London.

Das Projekt "Wendezeiten-Zeitenwende" wurde gefördert durch:




Beitrag Pavel Seifter | philoSOPHIA e.V.


Wie wird man Dissident?



Man fragt mich manchmal, wie und warum ich mich entschied, ein "Dissident" zu werden. Um eine Antwort zu finden, möchte ich auf zwei Geschehnisse vor ungefähr 50 Jahren zurückgreifen, die unmittelbar mit meinem Leben verbunden sind.

In meiner Erinnerung befinden wir uns im Herbst 1969. Ein Jahr nach dem gewaltsamen Ende des "Prager Frühlings" ging eine ganze Dekade zu Ende, während der die Tschechoslowaken den politischen und kulturellen Aufbruch versucht hatten. Im Land standen 350.000 sowjetische Soldaten, die vor einem Jahr einmarschiert waren, um den Reformversuch zu ersticken. Es schien, als ob sie für immer bleiben würden. Im Dezember 1969 hatten die Studenten noch Widerstand versucht, als sie die Universität besetzten und streikten. Aber letztendlich gaben auch sie auf. Im Januar 1970 kam es aus Verzweiflung zur Selbstverbrennung des Geschichtsstudenten Jan Palach, um damit das Land aufzurütteln. Sein Opfer blieb unbegriffen und unbegreifbar. Es war zu radikal und wirkte nicht, wie erhofft, als Fanal zur Gegenwehr. Hoffnungslosigkeit senkte sich über das ganze Land.

Dann - im Jahr 1970- ging das von den Sowjets restaurierte Regime gegen seine Widersacher vor. Die Universitäten, Schulen und Ämter wurden von den “konterrevolutionären Elementen” gesäubert. 500.000 Menschen verloren ihren Arbeitsplatz; 350.000 KPC- Mitglieder wurden aus der Partei ausgeschossen. Ich – wie so viele andere - wurde vor eine Säuberungskommission geladen. Die Vorgeladenen hatten die Frage zu beantworten, ob sie die militärische Intervention der "sozialistischen Bruderstaaten" befürworten oder nicht. Je nachdem, wie die Antwort der Befragten ausfiel, hatte es unmittelbare Folgen für ihr weiteres Leben. Nur eine Handvoll hatte es abgelehnt, das entwürdigende Schauspiel mitzumachen und überhaupt zu erscheinen. Auch ich verweigerte die Inszenierung und die Folgen für mich waren drastisch: Bisher war ich Parteimitglied und Universitätslehrer, nun wurde ich Fensterputzer.

Von meiner damaligen Entscheidung als besondere Gewissenentscheidung zu sprechen, erscheint mir aus heutiger Perspektive zuweilen banal und pathetisch. Ich hatte den Kompromiss, den ich hätte wählen können, ausgeschlagen und fühlte mich gerade deshalb frei und erleichtert, denn nun endlich hatte ich mein Leben selbst gewählt und nahm die volle Verantwortung auf mich. Viele hatten sich - mit Recht - gedemütigt und beschädigt gefühlt. Bei mir war dies ganz anders. Als ich später in der Straßenbahn zufällig einem ehemaligen Universitätskollegen traf, der sich dem Ansinnen jener Säuberungskommission gebeugt hatte, sagte er zu mir: "Du hast es leicht!" Diese Bemerkung war absurd und zugleich wahr. In den Augen des scheinbar privilegierten Universitätsdozenten gehörte der Fensterputzer und Dissident zu den Privilegierten. Denn ihn konnte man nicht mehr demütigen.

Man kann sich eigentlich nicht entschließen, ein Dissident zu werden. Meine Entscheidung glich eher einem langsamen, viel zu langsamen Aufwachen über Jahre hinweg, als die Untaten des kommunistischen Systems nach und nach ans Licht kamen. Als junger Mann war ich gläubiger Kommunist, romantisch und blind zugleich. Ähnlich wie bei vielen Anderen regte sich auch bei mir der erste Zweifel, als nach dem Tod Stalins Enthüllungen über dessen Terror durchsickerten. Einen weiteren Schock erfuhr ich während meines Militärdienstes, in dessen Alltag sich das Wesen des Systems in kristallklarem Licht offenbarte. Auch meine Zeit im Westen als Postgraduant in Frankreich - dies war Mitte der 60iger Jahre schon möglich - hat zu meiner politischen Ernüchterung beigetragen und schliesslich waren für mein künftiges Verhalten ausschlaggebend das Erlebnis des "Prager Frühlings" 1968 sowie der einzigartigen Widerstandswoche im August 1968. Jetzt wurde mir klar: Nie wieder sollte es passieren, dass jemand anderer, etwa eine Partei, für mich entscheidet, in meinem Namen handelt und dass ich dadurch mitschuldig würde für Sachen, auf die ich keinen Einfluss ausüben konnte. Mein Schuldgefühl war fast unerträglich geworden – obwohl ich doch zu jung war, um an den Verbrechen hätte teilnehmen können. Ich fragte mich aber, wie hätte ich mich wohl verhalten, wäre ich sechs oder zehn Jahre älter gewesen. Ich fühlte mich zuerst tief betrogen, als meine Glaubenswelt zusammenbrach und mein “Gott” starb. “Dissident” war ich zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht.

Mir bereitet das Wort "Dissident" Unbehagen, denn mit dieser Bezeichnung fühle ich mich in eine Schublade gesteckt. Schon damals wurde in den mit Schreibmaschine geschriebenen Samisdat - Texten gegen jenen Begriff polemisiert. Auch Václav Havel, der berühmteste tschechische Dissident, hat dieses Wort ironisch behandelt. Mir selbst passt es nicht, durch dieses Wort mit dem kommunistischen Regime verknüpft zu werden, wenn auch negativ als "Dissidierender". Wie manche bemerkt haben, wurde der Begriff "Dissident" vom Westen geprägt und gehört damit zum Vokabular des Kalten Krieges. Die Vorstellung von einem Dissidenten folgte einem Klischee, bestehend aus Idealismus, Zivilcourage und Integrität. Die politische Opposition wurde mit Verfolgung, Untergrundtätigkeit und Einkerkerung verbunden. Von den Dissidenten selbst wurde von "Zivilgesellschaft", "Gegengesellschaft" und "Leben in der Wahrheit" gesprochen. All dies war sicherlich auch in der Realität aufzufinden, jedoch in einer reduzierten Form. Damit wurde aber - zumindest im Westen - einem romantischen Bild vom Widerstand gegen das Übel Vorschub geleistet, was damals zum einen zu einer fehlgeleiteten Interpretation von außen und zum anderen heute zu einem verzerrten Geschichtsbild führte. In der Folge werden ganz irreführende Fragen gestellt, beispielsweise ob die Unterzeichner der "Charta 77 den Kommunismus stürzten oder ob sie im Gegenteil ganz unwichtig waren.

In der tschechoslowakischen Realität war das “Dissidententum” eine spezifische Antwort auf die Demoralisierung infolge der Wiederherstellung der kommunistischen Macht, wie sie vor dem "Prager Frühling" 1968 gesellschaftspolitische Gestalt erlangt hatte. Diese gesellschaftspolitische Restauration vollzog sich in den 70iger Jahren - in Regime- speack "Normalisierung " genannt. Auf die vom Regime durchgesetzte "Normalisierung" gab es unter der tschechoslowakischen Bevölkerung verschiedene Reaktionen.Die meisten Leute wollten ihre Ruhe haben. Sie resignierten und passten sich den Machtverhältnissen an. Andere stellten sich der Macht zur Verfügung und begannen eine neue Karriere. Die meisten aber zogen sich in die private Nische zurück, in die Familie und in das Wochenendhaus. Viele emigrierten. Auch gab es solche, die sich nicht vorstellen konnten, dass die restaurierte Macht länger als ein paar Jahre überdauern würde. Schließlich gab es Menschen, die das kommunistische System vollständig ablehnten und politischen Widerstand versuchten. Manche von ihnen landeten im Gefängnis, wie z.B. Petr Uhl, der die oppositionelle Plattform "Revolutionäre Jugend" (HRM) gegründet hatte, oder der Sozialdemokrat Rudolf Battěk.

Am konsequentesten nahm diese nonkonforme Haltung der kulturelle “Underground” ein. Berühmt wurde die Musikgruppe "The Plastic People of the Universe", nach deren Verhaftung die Bemühungen um den Schutz vor Verfolgung zu einem wichtigen Impuls zur Gründung der "Charta 77" wurden. Obwohl mir ihre Grundeinstellung nah war, bin ich nie so weit gegangen. Dazu war ich nicht exzentrisch genug. Damals befremdete mich ihre Musik. Interessanterweise empfinde ich sie heute als faszinierend und bedeutungsvoll. Der Dichter Ivan Hartl, der zu ihrem Kreis gehörte, landete im Londoner Exil. Bis heute lebt er die konsequente Unabhängigkeit: glücklich wohnungslos - Homeless, ohne Adresse und Pass und will dies alles auch nicht. Vielleicht über Jahrzehnte ungekürzt trägt er immer noch einen Zopf, dichtet weiter und gibt eine Kulturzeitung heraus. In den Jahren nach der "Samtenen Revolution" ist er mir in London ein Freund geworden.

Ende 1976 unterschrieb ich die "Charta 77". Zuerst wurde mir der Gründungstext von einem ehemaligen Studenten vorgelegt, der inzwischen mit mir das Schicksal als Fensterputzer teilte. Einen Tag später kam mit diesem Text ein ebenfalls verbannter Kollege, ein ehemaliger Juraprofessor. Der Student - exzentrisch, chaotisch, begeistert - hatte das Dokument schon unterschrieben. Der Juraprofessor, ein Reformkommunist, hatte Bedenken und unterschrieb somit nicht. Ich konnte mich mit dem Inhalt des Textes vollständig identifizieren und unterschrieb. Mir war vollkommen klar, dass es Ärger mit der Macht geben würde. Und so geschah es auch. Damit war ich also zu einem "Dissidenten" geworden. Allerdings fühlte man sich damals eher als "Chartist".

Rückblickend bin ich sicher, dass meine Unterschrift unter das Gründungsdokument der "Charta 77" der staatlichen Verfolgung Wert war. Sie war nicht die einzige Variante unabhängiger Aktivitäten; vielmehr gab es auch andere, wie z. B. die "Demokratische Initiative". Die "Charta 77" aber erfüllte eine besondere Rolle und wird deshalb mit Recht hervorgehoben. Sie bot einen Schirm an, unter dem sich verschiedene kulturelle und politische Strömungen, Menschen unterschiedlicher politischer Auffassungen und weltanschaulicher Orientierungen versammelten und sich gegenseitig Schutz boten. So agierten politisch Rechts- und Linksstehende, Katholiken, Evangelische und Atheisten sowie Menschen, die sich als unpolitisch oder gar gegenpolitisch betrachten, unter dem Dach der "Charta 77" . Gemeinsam war ihnen die Überzeugung von der Geltung der Menschenrechte und das Milieu, in dem sich die Chartisten bewegten, wurde von ihnen als Insel der Zivilgesellschaft verstanden. Damit war die Möglichkeit geboten, parallel und unabhängig von der "normalisierten" Gesellschaft mit anderen zusammen zu leben.

Die "Charta 77" war vor allem ein intellektuelles Unternehmen, was gleichzeitig ein Vorteil und – mit Polen und ihrer Gewerkschaftsbewegung verglichen - ein Nachteil war. Nicht viele haben es - unter Angabe ihres Namens und ihrer Adresse - gewagt, zu unterschreiben. Das war sehr verständlich. Ich aber konnte mir es im Vergleich zu manchen Anderen eher leisten. Längst zuvor hatte ich meine Urentscheidung getroffen und war - mit Berufsverbot belegt - Fensterputzer geworden, der wusste, dass Weiteres folgen konnte.
Von Intellektuellen geführt, spielte die "Charta 77" eine herausragende Rolle. In den Köpfen der Chartisten wirkte noch die befreiende Erfahrung des "Prager Frühlings". Jeder oppositionelle Autor übernahm offen Verantwortung für seine Texte, ohne sich verstecken zu können. Diese Texte unterschieden sich von der ideologischen Meta-Sprache der politischen Macht, einer Sprache, die von Václav Havel einen Namen bekam: "Ptydepe".

Eines Tages des bemerkenswerten Jahres 1977 diskutierte ich mit Luboš Dobrovský und Rudolf Zeman, meinen beiden Fensterputzer - Kollegen, eine soeben erschienene Samisdat- Zeitschrift mit dem Titel "Spektrum". Es war eine ästhetisch bewundernswerte und inhaltlich hoch interessante Ausgabe. Damals kamen viele auf die Idee, im Samisdat mit Schreibmaschine verfasste Zeitschriften und Publikationen herauszugeben. Auch ich dachte daran, dass eine historische Zeitschrift erscheinen könnte. So kam es zu einer langen Reihe von Untergrundpublikationen literarischen, literatur- kritischen, theaterkritischen, theologischen , philosophischen und politischen Inhalts. An manchen von diesen beteiligten sich auch Luboš Dobrovský und Rudolf Zeman. Nach 1985 kam es u. a. zu ökologischen Publikationen , denen der sogenannten Jazz -Sektion und es entstand "Lidové noviny", die nach der "Samtenen Revolution" von 1989 eine der wichtigsten Zeitungen des Landes wurde.
Die "Historischen Studien", an denen ich selbst beteiligt war, erschienen zwischen 1978 - 1990 regelmäßig zwei Mal jährlich. Die letzten beiden Hefte erschienen also noch nach der Wende.

Die inoffizielle Literatur und Zeitschriften, der sogenannte Samisdat, stellte eine faktische Opposition zum System dar, ohne sich selbst als solche zu sehen. Sie wurde es einfach durch ihr Dasein, weil sie außerhalb der Regeln des Systems entstand. Außerhalb zu stehen, eine andere Lebensweise zu wählen und eine andere Ausdrucksweise zu benutzen, lief auf eine unpolitische Alternative zum System hinaus.

Die Struktur des totalitären Staates war unmittelbar mit der sogenannten Machtfrage verbunden, die endgültig zugunsten der führenden Rolle der kommunistischen Partei entschieden sei. Zum Machterhalt und deren Reproduktion verfügte der totalitäre Staat über einen zentralisierten und alles überwachenden Apparat. Um effektiv zu funktionieren, bediente sich der Apparat zweier Stützen: einmal einer kompakten, in sich geschlossenen Ideologie, dem Marxismus-Leninismus, und zum anderen, davon abgeleitet, einer eigenartigen, kontrollierbaren und kontrollierenden, offiziellen Sprache. Diese künstliche Sprache (Havels "Ptydepe") eignete sich dazu, alles Offizielle auszudrücken und gleichzeitig eine künstliche Realität zu schaffen. Natürlich bedurfte es zum Leben noch einer anderen Sprache, die dazu geeignet war, sich im Alltag und in der Familie zu verständigen. Wesentlich war aber folgendes: Die offizielle Sprachstruktur musste wie eine Festung geschlossen bleiben. Sie funktionierte wie eine unangreifbare ideologische Bastion. Die totalitäre Macht wurde durch ihren Apparat und die dazu gehörige totalitäre Ideologie durch eine künstliche Sprache garantiert.

Verbunden mit dem Wahrheitsmonopol der Staatsideologie war auch der Anspruch auf die einzig gültige Geschichtsschreibung. Die offizielle Geschichtsschreibung bediente sich natürlich der offiziellen Sprache und wurde von der marxistisch- leninistischen Ideologie abgeleitet. Eine solche Geschichtsbetrachtung war dadurch eine höchst künstliches Produkt und weit von jeder historischen Wirklichkeit entfernt. Dies betraf insbesondere die neuere Geschichtsschreibung, die sich von Parteitag zu Parteitag, von Jahrestag zu Jahrestag bewegte und dadurch jede Wirklichkeit verdrängte. Die Geschichtsschreibung diente im Prinzip einer Legitimierung der bestehenden Macht, und die Historiker wurden zu Richtern und Polizisten der Vergangenheit.

Dagegen wollte die Samisdat - Geschichtsschreibung auf die einfache Wahrheit verweisen, dass die Suche nach der historischen Wahrheit nur im Dialog möglich ist und die offizielle Geschichtsschreibung - weil undialogisch - dazu unfähig ist. Damit aber wurde das Wahrheitsmonopol der Macht in Frage gestellt, und der Samisdat wurde von dieser als Teil der verbotenen Opposition betrachtet.

Die "Historické listy" ("Historische Blätter") waren ein gemeinsames Unternehmen von Menschen, denen aber nur gewisse Einzelheiten des gesamten Erzeugungsprozesses bekannt waren. So schrieb ein Autor Aufsätze und Bücher, ein anderer nahm sie ihm ab, wiederum ein anderer redigierte sie und stellte eine Nummer mit anderen Beitragen zusammen. Ein oder mehrere Schreiber schrieben die Texte auf der Schreibmaschine mit zwölf Durchschlägen; dann mussten die Papiere mühsam in Heften geordnet werden; endlich wurden sie zum illegal arbeitenden Buchbinder gebracht. Alles war Handarbeit. Nichts durfte telefonisch oder brieflich mitgeteilt werden, alles wurde persönlich erledigt. Der ganze Vorgang beanspruchte viel Zeit und Mühe sowie Geschick, den Nachstellungen der Staatssicherheit zu entgehen. Während die technische Herstellung der Samisdat - Produkte im Verborgenen stattfand, traten die Autoren öffentlich für ihre Werke ein. Das Einstehen für das eigene Wort war ein Prinzip der "Charta 77", oder um es mit einem Wort Havels zu sagen: Es galt, "in der Wahrheit" zu leben.

Als wir uns Ende Februar 1990 zum ersten Mal feierlich versammelten, sind zu unserem Erstaunen über achtzig Leute zusammengekommen, darunter enge Freunde, die nichts davon wussten, dass sie im Samisdat zusammengearbeitet hatten. Dieses außerordentliche Erlebnis sollte aufbewahrt werden, und es wurde gefilmt. Und dann sind die Aufnahmen doch verloren gegangen.

Jene oppositionellen Aktivitäten begründete eine Art Kommunität, eine menschliche Verbundenheit. Man verließ sich auf die Loyalität der engsten Freunde und der Familie. Das klappte meistens erstaunlich gut. Manchmal aber konnte jener Zusammenhalt durch die Zersetzungsarbeit der Staatssicherheit gestört werden.
Ich habe nie richtig verstanden, wieso es uns gelungen ist, die "Historické listy" so lange mehr oder weniger ungestört herauszugeben. Ein Faktor dafür war die erwähnte Loyalität und die gute konspirative Organisation. Der anderer Faktor könnte ein Kalkül der Staatssicherheit gewesen sein: Die öffentliche Ausstrahlung könnte in ihren Augen wegen des akademischen Inhalts und wegen der Isolation, in der die Gruppe gehalten wurde, politisch unbedeutsam gewesen sein. Im Jahre 1983 griff die Staatssicherheit jedoch zu; zwei Mitglieder der Gruppe wurden bei der Distribution der "Historické listy" kurz verhaftet und verhört. Wir reorganisierten unsere Struktur schnell und die Sache ging weiter. Auch illegale Seminare wurden aufgelöst und endeten mit einem Verhör bei den Sicherheitsorganen; aber auch diese wurden weiterhin abgehalten. Zuletzt im Jahr 1988 hielten wir sogar - ganz frech - eine Konferenz im Prager Hotel Tichý ab. Es waren auch Nicht-Historiker anwesend - beispielsweise Havel, Benda, Urbánek, Vaculík und andere prominente Personen der tschechischen Dissidentenwelt. Wir wurden von der Staatsmacht nicht gestört.

Dieses Phänomen der Gruppenaktivität, die angefangen von der Literatur viele Aspekte des intellektuellen Lebens, wie z. B. die Theologie, Philosophie und Geschichte, umfasste, war die Geburtsstunde des tschechischen zivilgesellschaftlichen Handelns. Es gab nur minimale oder gar keine Organisation. Zwar gab es mit den drei Sprechern ein Zentrum der "Charta 77", jedoch waren die Dissidenten diesem in keiner Weise verpflichtet. Spontane Solidarität der Beteiligten war verbunden mit freier Initiative, Unabhängigkeit und Individualität jedes Chartisten. Noch eine andere Besonderheit unterschied die "Charta 77" von Politik und Establishment, eine Besonderheit, die uns den staatlichen Druck leichter ertragen half: ein spielerisches Moment verbunden mit tiefer Ernsthaftigkeit. Das hat mich angezogen; darin fühlte ich mich frei und wohl.

Die Ausstrahlung der "Charta 77"und der sich um sie bildenden Gruppen war zwar im Vergleich zu der polnischen Gewerkschaftsbewegung "Solidarnosc" oder der polnischen Kirche begrenzt. Dennoch stellte sie ein echtes Problem für die tschechoslowakischen Behörden dar, weil sie eine (vordergründige) politische Konfrontation ihrerseits vermied. Die Charta stellte eine Gemeinschaft dar, die schwer fassbar war, die keine klassische Organisationsform aufwies, die keine Politik betrieb und doch höchst politisch war. Václav Havels Beschreibung nach war das Ausdruck einer “unpolitischen Politik”. Es war mehr ein Dasein, ein Milieu, das das Establishment ignorierte und gleichzeitig durch moralische Kritik, in klarer Sprache die Lügen und Übel öffentlich benannte, und das durch ihre bloße Existenz an der Legitimität des Regimes Zweifel übte. Es handelte sich um eine “Parallele Polis” - eine alternative Zivilgemeinschaft, die sich ein öffentliches Forum verschaffte. Durch diese “Inseln” und durch ihr Binnenklima sicherte man auch einen Raum für die individuelle Freiheit jedes beteiligten Menschen. Für die Behörden entstand somit ein Dilemma: Es sollten die “Dissidenten”, insbesondere die bekannten Namen der Kultur, vollkommen vergessen werden. Ihre Namen und Bücher wurden aus den Bibliotheken entfernt und in eine schwarze Liste der verbotenen Titel eingetragen. Die Zensur verhinderte ihre Veröffentlichung und unbequeme Autoren durften öffentlich nicht auftreten. Mit ihnen in Kontakt zu treten, konnte für Leute unangenehme Konsequenzen haben. Da sich solche Autoren aber jetzt über die "Charta 77" zu Wort meldeten, entstand für die Macht ein Problem. Ihre Verfolgung bedeutete nicht nur, ihre Existenz eingestehen zu müssen, sondern ihnen obendrein Ruhm durch das ausländische Echo zu verschaffen. Aus dieser Falle gab es für die staatliche Macht keinen Ausweg.

Gleichzeitig war auch für uns eine Falle gestellt. Es entwickelte sich eine interne Debatte, die sich einmal um die Außenwirkung und zum anderen um das Selbstverständnis der "Charta 77" drehte. Blieben die Chartisten in ihrem Zirkel eingeschlossen, konnte sie ihre moralische Substanz erhalten, hatten aber keine Wirkung auf die übrige Gesellschaft. Würden die Grenzen der
"Charta 77" erweitert, konnte man besser die Bevölkerung ansprechen, aber eventuell auf Kosten des moralischen Appells.
Die Staatsmacht versuchte selbstverständlich den Einfluss der "Charta 77" einzugrenzen. Zunächst waren der Druck der Staatssicherheit und die staatliche Hetzkampagne überwältigend. Daher war - insbesondere anfangs - unter den Chartisten das Gefühl stark ausgeprägt, in einem Ghetto eingeschlossen zu sein.
Dieses Problem wurde offen zur Diskussion gestellt: Der Schriftsteller Ludvík Vaculík und der Jurist Petr Pithart stellten die Frage, ob das Verhalten der Dissidenten, Repressalien und Verhaftungen den "normalen" Mitbürger einfach nur abschrecken. Davon provoziert, versuchte Havel die Gründungsinterpretation der "Charta 77" des Philosophen Jan Patočka zu verteidigen. Genauer verteidigte er die eigene Interpretation Patočkas. Der Sinn der "Charta 77" sei eine moralische Offenbarung, die einen direkten Zugang zum Gewissen aufweist und deshalb auf Taktik verzichten kann. Jedoch wurden die Stimmen immer lauter, die klare Aktionen, eine politische Opposition verlangten. Außerhalb dieser internen Debatte, im Alltagsleben sah man alles in Einem: Samisdat, moralisches Bemühen, theoretische Diskussionen, Aktionen und das Bemühen, ein breites Publikum zu erreichen.
Die Reaktionen in dem gesamten Kontext der "Charta 77" waren sehr verschieden: Es gab Chartisten, welche die "Charta 77" unterzeichnet hatten, aber unter staatlichen Druck gerieten und sich somit an keinen Aktionen beteiligten. Wiederum andere unterstützten die Anliegen und Ziele der Chartisten, z. B. indem sie am Samisdat mitarbeiteten, ohne jedoch die "Charta 77" unterschrieben zu haben. Deshalb waren manchmal gerade diese für die gefährliche Arbeit geeignet.

Auf die Eingangsfrage, wie man zum Dissidenten" wurde, gibt es rund 1200 Antworten. Ca. 1.200 Menschen hatten die "Charta 77" unterschrieben und genauso viele Lebensgeschichten sind mit dieser Entscheidung verbunden. Waren Dissidenten von Natur aus Nonkonformisten? Manche sicherlich, andere nicht. Ich z. B. war kein Nonkonformist. War die Entscheidung durch ihre Familiengeschichte mitbedingt? In manchen Fällen trifft das zu, in anderen nicht.
Für meine Biographie war die Geschichte meiner Eltern, die sich als Kommunisten gegen das Naziregime stellten, sich nach ihrer Verhaftung im Gefängnis tapfer verhielten, schließlich gerettet wurden und den Krieg in der Emigration in England verbrachten, wichtig. Sie waren "gläubige" Kommunisten, die lange Zeit brauchten, um zu erkennen, dass sich die große Utopie in eine große Lüge verwandelt hatte. Aber dann war alles wieder klar und einen Kompromiss für ihr Gewissen gab es nicht. Obwohl es für meinen Vater, einen Juden und Kommunisten, erstaunlich klingen mag, die zehn Gebote Gottes, ohne sie in ihrem ursprünglich Kontext zu beachten, wurden immer todernst genommen. Beide Elternteile wurden aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen. Es gab - im Gegensatz zu meiner- andere Familiengeschichten, die durch Verfolgung und Opfer unter dem kommunistischen Totalitarismus geprägt wurden. In der Folge wurden mache Dissidenten, andere nicht und wiederum andere wurden zu regimekonformen Karrieristen.

Anders als die politische Opposition stellte das “Dissidentum” an sich keine Wahl dar. Es ist einem einfach passiert. Die Ursachen dafür waren sehr unterschiedlich; aber wer “Dissident” wurde, bestimmte zuletzt die Macht und heute bestimmen es die Geschichtsbeurteiler. Ich musste meine Würde und Gewissen verteidigen - und bin infolgedessen “Dissident” geworden. Heute ist mehr die Geschichte der Opposition gefragt, oder romantisch sogar die Geschichte eines Widerstandes. Da passt die Dissidentengeschichte nur ungenügend hinein.

Mitte der 80iger Jahre betrat allmählich eine jüngere Generation die oppositionelle Bühne. Zuletzt initiierten die Studenten außerhalb der "Charta 77"und der Dissidentenszene mit ihrer Demonstration am 17. November 1989 die “Samtene Revolution”. Die Revolution selbst wurde noch von Havel und Personen aus seinem Umfeld angeführt. Aber bald setzte sich die Realpolitik gegen die “unpolitsche Politik” der Dissidenten durch. Sie hatten keine Chance mehr, ihre “unpolitische” Zeit war vorbei. Havel wurde zwar zum Präsidenten gewählt; jedoch nach einiger Zeit blieb seine Bedeutung mehr und mehr auf das eigene Symbol begrenzt und der politische Einfluss nahm schell ab. Seine Mitkämpfer wurden fast ausnahmslos abgewählt oder haben sich in ihre Berufe zurückgezogen. Die "unpolitsche Politik" konnte in ihrer Zeit die verschiedenen Gruppen und Strömungen zusammenhalten, aber für die geänderten Verhältnisse einer demokratischen Ordnung war sie nicht gut geeignet. Schon auf Grund ihrer Definition hätte eine Gegenpolitik kein politisches Programm für die Zukunft anzubieten. Der “Dissident” war eine Antwort auf eine Ära zukunftsloser Verzweiflung und gehörte somit zu einer vergangenen Situation.
Inzwischen hat sich der Geist der Zeit verändert und wird von ganz anderen Kräften bestimmt.