Wendezeiten/Zeitenwende: Dissidenten als Zeitzeugen

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Wendezeiten/Zeitenwende im Jahr 1989/90: Dissidenten als Zeitzeugen

Monika Elšíková, hier zusammen mit Magor (Initiator der "Plastic People of the Universe")
Monika Elšíková, hier zusammen mit Magor (Initiator der "Plastic People of the Universe")
Monika Elšíková, Jg. 1968; Filmemacherin, Regisseurin, Verlegerin, Schriftstellerin; eine der jüngsten Unterzeichnerinnen der "Charta 77"; mehrfache Herausgabe eines Buches über eine politische Gefangene der 50iger Jahre; Autorin von Kinderbüchern zeitkritischen Inhalts; engagiert sich heute insbesondere für Kinderschutz, die Rechte der Roma und den Tierschutz; lebt in Prag.

Das Projekt "Wendezeiten-Zeitenwende" wurde gefördert durch:




Beitrag Monika Elsikova | philoSOPHIA e.V.


Ich wurde im Herbst 1968 geboren. Meine Mutter bemerkte mit finsterer Ironie, dass sie als Schwangere eine gute Zielscheibe für die Russen sei. Ich bin also als eine potentielle Zielscheibe geboren worden. Die Panzer des Warschauer Paktes im August 1968 haben viele Träume meiner Eltern zerstört, wie auch die vieler Tschechoslowaken. Obwohl meine Eltern nicht auf einen besseren Sozialismus hofften, haben sie - wie die überwiegende Zahl der Bevölkerung auch - die von der Reformregierung bewirkte Abschaffung der Zensur oder die Reisefreiheit genossen. Dennoch waren - wie schon gesagt - meinen Eltern Träume von einem verbesserten Sozialismus fremd. Väterlicher- und mütterlicherseits erfolgte nach der kommunistischen Machtübernahme 1948 Enteignung und die Zerstörung der Existenzgrundlage. Daraufhin flohen einige Verwandte bis nach Australien. Für die daheim gebliebenen Familienmitglieder wirkten sich diese Ereignisse für ihr Fortkommen nachteilig aus. Aktive Opposition leisteten meine Eltern nicht. Jedoch waren sie keine Parteimitglieder, und ihre Beziehung zu dem kommunistischen Regime war negativ.

Ich wuchs in der Stadt Zlín auf. Nach dem Gymnasium gehörte ich zu den drei Studenten/innen, die in die prestigeträchtige Theaterhochschule "DAMU" in Prag aufgenommen wurden. Diese Hochschule war für mich eine riesige Enttäuschung: Uninteressante Vorträge und viel Marxismus- Leninismus. Was hatte das Regime mir schon zu bieten? Trabi und Urlaub in Bulgarien? Für meine seelische und geistige Entwicklung nichts! Das konnte ich nicht akzeptieren, und ich entschied, mich der Opposition anzuschließen. Ich suchte und fand Oppositionelle sofort. Wer also heute behauptet, dass es schwierig gewesen wäre, die oppositionellen Gruppen zu finden, der lügt.

Mein Weg in die Opposition war eine freiwillige Entscheidung, die ich nie bereut habe. Ich betone die Freiwilligkeit, weil es viele waren, die in die Opposition abgedrängt wurden, beispielsweise diejenigen, die nach dem Jahre 1968 aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen wurden. Sie haben meistens sofort auch ihre Arbeit verloren und mussten fortan als Hilfskräfte ihr Dasein fristen. Für diesen Personenkreis war die Opposition gewissermaßen eine erzwungene Wahl, ein persönlicher Protest gegenüber der staatlichen Repression. Damals jedoch hat mich der Staat nicht auf diese Weise drangsaliert. Vielmehr habe ich selbst den Staat aus guten Gründen angegriffen.

Ich war jung und rebellisch. Somit hat mir der Bruch mit der konformistischen Gesellschaft auch Spaß gemacht. Infolgedessen war ich Putzfrau, Kellnerin, und ich habe leere Flaschen im sozialistischen Laden verkauft. Damit stand ich auf der niedrigsten Stufe in der Hierarchie des Ladens. Der Chef hat meinen Kolleginnen wiederholt damit gedroht, dass ich künftig das Privileg genießen könnte, den Käse zu schneiden, und die nicht brave Kollegin meine Position als Flaschenverkäuferin einnehmen müsste. Jene haben die Herabsetzung gefürchtet. Ich jedoch war von dem Gefühl geprägt, nichts mehr fürchten zu müssen in einer Gesellschaft, wo die Mehrheit ständig Angst hatte.

Als Dissidenten haben wir Flugblätter geschrieben, gedruckt und verteilt, Demonstrationen organisiert und den Samisdat produziert. Wir forderten u.a. die Freilassung von politischen Gefangenen, Presse-, Reise- und Religionsfreiheit. Ich habe Postkarten an politische Gefangene geschrieben. Obwohl ich vermutete, dass Häftlingen solche Postkarten gar nicht ausgehändigt wurden, war dies ein Signal gegen das Vergessen von Inhaftierten. Ich habe auch kritische Schreiben an den Präsidenten und verschiedene Politiker der CSSR gerichtet, ohne je eine Antwort zu bekommen. Aber diese sollten wissen, dass nicht alle schweigen.

Besonders stolz bin ich auf eine von mir verfasste Petition, in der ich die Freilassung von Stanislav Devátý forderte. Ich hatte die Staatsicherheit wütend gemacht, weil ich bisher unbekannte junge Menschen organisierte, von denen sich einige bereit erklärten, stellvertretend für Stanislav Devátý ins Gefängnis zu gehen. Die Staatssicherheit hatte panische Angst vor der Ausbreitung oppositioneller Aktivitäten unter „normalen“, bisher gehorsamen Bürgern.

Stanislav Devátý war mein Vorbild in der Opposition. Er suchte immer eine direkte Auseinandersetzung mit dem Regime. Politische Demonstrationen, Widersetzlichkeit bei der Verhaftung und Hungerstreik in der Haft waren typisch für sein Verhalten. So gehört für mich zu den denkwürdigen Erlebnissen eine Verhaftung Devátýs. In einem Kaffee, wo er verhaftet werden sollte, hielt er sich - auf dem Boden liegend, beleibt und laut protestierend - am Tischbein fest. Ohne die Mithilfe eines Busfahrers, der seinen Bus vor diesem Kaffee gestoppt hatte, hätten die Polizisten den Übeltäter nicht von der Stelle bekommen und verhaften können. Ohne solche Helfer hätte der Kommunismus vielleicht schon früher sein Ende gefunden. Jedoch war Devátý durch solche Aktionen an Leib und Leben gefährdet. Schließlich floh er nach Polen, wo er von polnischen Oppositionellen versteckt wurde. Es gab andere Dissidenten, die ihren Widerstand lediglich auf intellektuelle Weise äußerten, weil sie befürchteten, dass jene Protestformen, Opposition unmöglich machen könnten.

Ich war eine der jüngsten Unterzeichnerinnen der "Charta 77". Freunde und Freundinnen meines Alters, welche die "Charta 77" nicht mehr unterzeichneten, riefen aber eigene Initiativen ins Leben, um auf phantasievolle Weise die Staatsmacht zu verspotten. So gründeten sie z.B. „Die Gesellschaft für die lustigere Zukunft“. Sie hatte einen Lauf in der "Prager Straße der politischen Gefangenen" organisiert. Dieser offizielle Straßenname bezog sich eigentlich auf Gefangene des Nationalsozialismus. Indem Mitglieder jener Gesellschaft einen Lauf in dieser Straße absolvierten, erschien der Straßenname plötzlich in einem anderen, aktuellen Zusammenhang. Weiterhin hatte einer meiner Freude eine "Initiative für die Wahl des neuen Königs" gegründet. Obwohl die Staatssicherheit mit solchen skurrilen Aktionen eigentlich nichts anzufangen wusste, nahm sie diese doch als Provokationen wahr. Diktaturen reagieren oftmals besonders empfindlich, wenn sie der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Insofern hatten diese lustvollen Provokationen meiner Freunde ihr Ziel erreicht. Ich aber wollte einer oppositionellen Gruppe angehören, die sich einem ernsthaften Widerstand gegen den repressiven Staat verschrieben hatte. So schloss ich mich mit meiner Unterschrift im März 1989 der "Charta 77" an, einer oppositionellen Vereinigung, die unterschiedliche politische Positionen vereinte.

Als ich 1989 verhaftet wurde, war mir klar, dass in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts ein Inhaftierter mit einer sehr langen Haftzeit rechnen musste. Ich habe mehrfach ein Buch über eine politische Gefangene der 50er Jahre herausgegeben, das uns u.a. die drastischen Strafmaßnahmen jener Jahre vor Augen führt. Es handelt sich dabei um ein Buch von Dagmar Šimková, dessen Titel in deutscher Sprache mit "Wir waren auch da" wiedergegeben werden kann. In den 80er Jahren jedoch fielen die staatlichen Repressalien zumeist geringer aus. Obwohl ich bei und nach der Verhaftung durch die Polizei Missachtung und Erniedrigung erfuhr, glaube ich, dass ich insgesamt Glück gehabt habe. Allerdings fiel mir auf, dass von Demütigungen vor allem Frauen betroffen waren. Generell waren Erniedrigungen von politischen Gefangenen dem Sozialismus eigen.

Während einer Demonstration wurde ich 1989 in Prag verhaftet. Ich konnte einen Polizeikordon passieren, weil ich für eine normale Fußgängerin gehalten wurde. Plötzlich waren alle Freunde hinter dem Kordon und ich davor. Dabei wollte ich es nicht bewenden lassen, und ich schrie: „Es lebe Václav Havel!“ Zu weiteren Äußerungen kam ich nicht mehr. Denn von Polizisten gepackt, wurde ich in einen Bus mit der Aufschrift "Reisebüro" geworfen und mit den anderen ins Gefängnis gebracht. Wir mussten stundenlang mit der Stirn an der Wand stehen. Danach wurde ich an die Heizung gekettet und einem infamen Spiel unterworfen, das man "böser Bulle, guter Bulle" nennt: ein Polizist, der brüllt und droht, wird abgelöst von einem Polizisten, der den Verständnisvollen gibt. In einer Zelle für vier Personen waren wir zu neunt. Somit mussten wir wegen Platzmangels abwechselnd schlafen. Auch waren die hygienischen Bedingungen unsäglich. Nach zwei Tagen der offiziellen Untersuchungshaft blieb ich allein. Ich wurde aus Prag nach Zlín, einem Ort, der 350 Kilometer entfernt lag, transportiert. Erneut wurde ich mit der Humorlosigkeit der Bewacher konfrontiert, als sie mir sagten:
„Wir hoffen, dass du keinen Ärger machst!“,
erwiderte ich:
„Ich überlege die ganze Zeit schon, wie ich aus diesem verdammten Auto ausbreche.“
Daraufhin wurde ich aus dem Auto gezerrt und in den sogenannten "Bären" gesteckt: Handschellen wurden mit einem Gürtel an Fußschellen befestigt. Auf solche Art verschnürt, musste ich 350 Kilometer ausharren. Als wir unterwegs an einer Toilette Halt machten, haben mich die am Motel herumstehenden Prostituierten wie eine Verbrecherin angestarrt. Mein Gerichtsverfahren war auf den 17. November 1989 in Zlin angesetzt. Dieser Termin war von der Staatsmacht absichtlich gewählt, da sie wollte, dass sich die Dissidenten im Gerichtssaal und nicht in Prag versammeln. Wir haben uns damals damit getröstet, dass es noch viele Demonstrationen geben werde. Aber diese Demonstration kündigte das Ende des kommunistischen Regimes an. Und ich hatte sie verpasst.----

Ich halte es für charakteristisch, dass Männer aus der Opposition heute Polizisten, Unternehmer, Abgeordnete oder Minister geworden sind, Frauen hingegen Psychologinnen, Helferinnen der Flüchtlinge usw. Heute engagiere ich mich für Kinderrechte und den Tierschutz. Darüber hinaus interessiere ich mich für die Roma-Minderheit, die es gegenwärtig mit Diskriminierung zu tun hat. Wenn ich Dokumentarfilme zu heiklen Problematiken drehe, werde ich oft bedroht. „Ihr wisst nicht, wie gut ich trainiert bin.“, sag ich mir immer, wenn solche Drohbriefe in den Papierkorb wandern.

Rückblickend bin ich froh, dass ich meine Oppositionszeit als junge Frau erlebt habe. Somit konnte mir die Staatsmacht nicht mit Nachteilen für meine Familie drohen, weil ich keine hatte. Auch hat sie mich nicht ermüdet, sondern scharf auf das Leben in der Freiheit gemacht. Hervorheben möchte ich den Widerstand und den Mut oppositioneller Frauen. Sie erfahren meiner Meinung nach im Vergleich zu den oppositionellen Männern keine ausreichende Würdigung. Insgesamt aber blicke ich dankbar auf meine aktive Zeit in den Reihen der Dissidenten zurück, denn niemals später ist mir soviel Toleranz und Solidarität angesichts von politischer und sonstiger Meinungsvielfalt begegnet.