Wendezeiten/Zeitenwende: Dissidenten als Zeitzeugen

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Wendezeiten/Zeitenwende im Jahr 1989/90: Dissidenten als Zeitzeugen

Dr. Marie Jirásková, Jg. 1938; Historikerin, Lehrerin, Autorin und Herausgeberin; 1969 Rauswurf aus der KPC und 1971 Berufsverbot; danach Hilfsarbeiterin in Prag, u.a. als Nachtwächterin; betätigte sich im Samisdat: u.a. illegale Verbreitung von Literatur verbotener tschechischer Autoren und vielfältige redaktionelle Bearbeitung tschechischer Exilliteratur; lebt in Prag.

Das Projekt "Wendezeiten-Zeitenwende" wurde gefördert durch:




Beitrag Dr. Marie Jirásková | philoSOPHIA e.V.


Ich stamme aus einer sehr armen Familie. Somit war ich bevorzugt, weil in sozialistischen Ländern Bürger und Bürgerinnen nach der sozialen Herkunft eingeteilt wurden: Arbeiter, Landwirte und andere. Der Arbeiterursprung war deshalb von Vorteil, weil nach der marxistischen Ideologie in unserem sozialistischen Staat angeblich die Arbeiterklasse die herrschende Rolle inne hatte.

Meine Großeltern waren Arbeiter in der Landwirtschaft. Mein Vater war klein und körperlich eher schwach, und dennoch musste er in einem Steinbruch arbeiten. Er starb, als ich zehn Jahre war am Weihnachtstag. Meine Eltern waren sehr intelligent. So hatten der Schuldirektor und der Ortspfarrer ein Studium meiner Mutter befürwortet. Jedoch brauchte meine Großmutter die praktische Hilfe meiner Mutter, welche die älteste von vier Geschwistern war. Meine Mutter konnte schließlich eine Ausbildung als Näherin machen. Somit kam aus sozialen Gründen ein Studium nicht in Frage.

Ich jedoch konnte ein Abitur ablegen, und es war für mich selbstverständlich, dass ich am Ende des Gymnasiums Mitglied der Kommunistischen Partei wurde. Die soziale Demagogie der KPC hatte mich zunächst überzeugt. Dann aber habe ich schrittweise meinen kommunistischen Glauben verloren: Zuerst waren es Gefühle, dann Erfahrungen, dann haben sich Konflikte angesammelt.

Eine frühere Erfahrung bezieht sich auf meinen Buchhändler. Es war ein netter Mann in unserer Kleinstadt. Weil er wusste, dass ich eine leidenschaftliche Leserin war und kein Geld hatte, hat er mir auch einige Bücher nach Hause ausgeliehen. Schon damals habe ich mit der Hand einige Gedichte abgeschrieben und nicht geahnt, dass das Abschreiben von literarischen Texten irgendwann meine Hauptbeschäftigung sein würde. Eines Tages war meine Buchhandlung geschlossen und der Buchhändler verschwunden. Erst viel später habe ich erfahren, dass er früher eine private Buchhandlung hatte und nach der Verstaatlichung - in der CSSR wurde alles verstaatlicht - hatte er Bücher aus seinem privaten Magazin verkauft. Er wurde festgenommen und verurteilt.

Als mein Buchhändler verschwand, besuchte ich wieder mehr die öffentliche Bibliothek. Dort habe ich festgestellt, dass in den Regalen Bücher fehlten, die vor einigen Jahren noch vorhanden waren. Es gab seit 1954 geheime, ständig aktualisierte Verzeichnisse von verbotenen Büchern, die aus den Bibliotheken entfernt wurden. Ein tschechischer Historiker hatte erst vor einigen Jahren die unter Zensur stehenden und entfernten Bücher gezählt. Es waren mehr als 10.000 Buchtitel. Als ich die Hochschule besuchte - ich studierte Geschichte und tschechische Sprache - war die Situation nicht besser. Es fehlte an Fachliteratur; sogar historische Werke aus dem 19. Jahrhundert waren verboten. Die nichtmarxistische Literatur konnte man nur mit einer Sondergenehmigung in einem Extraraum der Bibliothek studieren. Ich habe um so eine Sondergenehmigung gebeten und diese nicht bekommen, obwohl ich Mitglied der Partei war und die Bücher für meine Arbeit brauchte.

Abgesehen von relativ häufigen Streitereien mit meinen Professoren habe ich an der Universität auch eine große menschliche Enttäuschung erlebt. Meine Mitstudentin und Freundin litt an einer Hautkrankheit. Ich wollte, dass sie ein Gesundheitsstipendium bekommt, so dass sie nach Bulgarien fahren konnte, um sich am Meer zu kurieren. Jedoch erhielt meine Freundin kein Stipendium, weil sie katholisch war. Es hat auch nicht geholfen, dass ihr Vater während des Krieges durch die Nazis ermordet wurde.

Im Jahre 1960 wurde ich Lehrerin im Gymnasium. Ich wollte eine gute Lehrerin sein, und ich wollte nach meinem besten Gewissen unterrichten. Somit habe ich mich weitergebildet. Ich habe Bücher aus privaten Bibliotheken ausgeliehen und viele auch privat hinzugekauft. In meinen Unterrichtstunden durfte man frei fragen und diskutieren. Mir war damals nicht bewusst, dass dies bei staatlichen Behörden Anstoß erregte. In der Bezirkverwaltung der Kommunistischen Partei wurde über mich bereits eine immer dickere Mappe geführt.

Meine Schüler haben die freie Atmosphäre meines Unterrichts zu Hause geschildert und die Eltern haben darüber der Partei berichtet. Die Schüler beabsichtigten nicht, mich zu schädigen. Ich habe zum Beispiel eine Renaissance-Bibel in den Unterricht mitgebracht, es war eine Übersetzung aus dem 16. Jahrhundert. Ich wollte lediglich ein Kunstwerk im Unterricht präsentieren, um die Schüler mit der damalige Sprache vertraut zu machen. Diesen Vorgang hat die Kommunistische Partei als religiösen Unterricht gewertet, der als Vorwurf viel später gegen mich erhoben wurde. Meine „Sünden“ wurden auf solche Weise sehr lange gesammelt und registriert.

Den Satz „Sie sind nicht würdig, die sozialistische Jugend zu unterrichten,“ habe ich zum ersten Mal im Jahre 1967 gehört. Während einer kommunistischen Versammlung hat der Vorsitzende zwei Ereignisse als Provokation, Konterrevolution und Staatshetze bezeichnet. Das erste Ereignis war eine Studentendemonstration in Prag, das zweite war die Versammlung des Schriftstellerverbandes 1967. Über beide Ereignisse hatten mich meine ehemaligen Schüler informiert.

Die Studentendemonstration war meiner Information nach gerade nicht politischer Natur. Es gab im Sozialismus oft Stromausfälle und auch Wasser floss nicht immer. Die Studenten haben demonstriert, weil die Stromausfälle in den studentischen Wohnheimen in Prag-Strahov besonders häufig waren. So konnten sie einfach nicht lernen und haben deswegen unter der Losung „Mehr Licht“ demonstriert, was eigentlich ein Goethe-Zitat darstellt. Ich habe während der Versammlung die Fakten benannt und dagegen protestiert, dass der Parteifunktionär eine solche Aktion als Staatshetze bezeichnet. Meine Schüler hatten mir auch eine auf der Schreibmaschine abgetippte Rede des Schriftstellers Ludvík Vaculík zugesteckt. Er hatte während einer Schriftstellerversammlung moniert, dass sich die Partei in das Privatleben einmische, für das sie nicht zuständig sei. Darüber hinaus kritisierte er die Zensurpraktiken. Dies entsprach meiner Meinung, und ich wies den Vorwurf der Staatshetze ab.

Meine Entlassung aus dem Schuldienst wurde wahrscheinlich durch den "Prager Frühling" 1968 verzögert. Während dieser Zeit wurde ich wiederholt als Lehrervertreterin des Bezirkes gewählt und habe die bestehenden Verhältnisse nachdrücklich kritisiert. Wegen meiner immer stärker werdenden Entfremdung von der KPC wollte ich aus der Partei austreten, was aber nach ihrer Satzung unmöglich war. Ich wurde im Mai 1971 ausgeschlossen und verlor im selben Jahr meine Arbeit als Lehrerin. Anfangs dachte ich, dass ich eine Arbeit in der Bibliothek oder im Archiv finden könnte. Die Versuche waren vergeblich. In meinem Bezirk wurde ich noch nicht einmal als Arbeiterin in der Hühnerzucht akzeptiert. Vermutlich war ich auch für die Hühner politisch gefährlich.

Deshalb ging ich nach Prag und hoffte, dass mir dort Freunde weiterhelfen könnten. Damals wusste ich bereits, dass eine breite Opposition existierte. Sie befasste sich mit Kultur, Politik, Frauenthemen und der Umwelt; und sogar von Mathematikern, die ebenfalls ihre Arbeit verloren hatten, wurde ein eigener Kreis gebildet. Ich habe schließlich Arbeit als Nachtwächterin im Literarischen Museum in Prag gefunden. Auch heute steht es als Schloss in einem großen Garten. Es war vorteilhaft für mich, weil dort niemand meine Schreibmaschine hörte, mit der ich illegale Texte abschrieb. Ich schloss mich der Kulturopposition an und habe vor allem Samisdat - Texte geschrieben.

Angefangen habe ich mit Gedichten, die ich einfach in Briefumschläge steckte und verteilte. Dann habe ich meinen Samisdat schrittweise professionalisiert. Literarische Texte habe ich immer selbst mit einer alten und schweren Schreibmaschine geschrieben und in Buchdeckeln aus Wandtapetenpapier eingebunden und verteilt. Auf diese Weise habe mich an existierenden Editionen und unabhängigen Zeitschriften beteiligt. Damit wollten wir etwas gegen die Zensur und Verbote im kulturellen Bereich unternehmen.

Anfangs wurde ich von der Staatspolizei aufgefordert, bei ihnen meinen Samisdat abzugeben. Das habe ich nicht getan und darauf beharrt, dass ich keine Strafftat beginge. Als mir von der Staatssicherheit wegen meiner Samisdat-Aktivitäten Vorhaltungen gemacht wurden, habe ich nur gesagt, dass es sich um Texte eines sehr guten Dichters handle, die eines Tages noch mit Stolz offiziell herausgegeben werden. Ich habe Recht behalten.

Als ich auch als Nachtwächterin entlassen wurde, habe ich eine Arbeit mit Behinderten gefunden. Damit konnte ich auch zu Hause arbeiten. Von mir wurden auch wichtige Texte redigiert, zum Beispiel die Erinnerungen Jaroslav Seiferts, unserem tschechischen Nobelpreisträger. Darüber hinaus habe ich Exil-Literatur redaktionell bearbeitet und Bücher für westliche Verlage vorbereitet. Außerdem war ich auch an der Verteilung von aus dem Westen eingeschmuggeltem Geld für politische Gefangene beteiligt. Ebenso verteilte ich aus dem Westen stammende Literatur. An diesem Schmuggel waren auch Westdeutsche beteiligt. Deshalb führte mich die Staatssicherheit unter dem Decknamen "Distributor".

Seit November 1980 musste ich drei Jahre lang jeden Monat zum Verhör. Mein Telefon wurde abgehört und meine Wohnung war verwanzt. Ich wurde nachts als angebliche Prostituierte angerufen - mit ziemlicher Sicherheit von der Staatssicherheit. Ich habe diese Geschichte auch bei einem meiner Verhöre erwähnt und wollte den Anrufer sprechen. Von der Staatssicherheit wurden solche Anrufe bestritten.

Nach der "Samtenen Revolution" 1989 und noch vor der Rente konnte ich im Institut für Zeitgeschichte in Prag arbeiten. Nach wie vor verbringe ich viel Zeit in Bibliotheken und arbeite an vielen literarischen Projekten.

Ich habe sechs Regime erlebt und zwei Okkupationen. Ich war sehr gerne Lehrerin und konnte dies nur zehn Jahre sein. Meine berufliche Laufbahn wurde aus politischen Gründen ruiniert. Im Samisdat konnte ich aber gute Arbeit leisten und die interessantesten Menschen meines Lebens kennenlernen. Es hat sich gelohnt.