Wendezeiten/Zeitenwende: Dissidenten als Zeitzeugen

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Wendezeiten/Zeitenwende im Jahr 1989/90: Dissidenten als Zeitzeugen

Jan Šícha, Jg. 1967; Historiker; Journalist, Diplomat. Gründungsdirektor des Tschechischen Zentrums in München 1999-2004; seit 1995 tätig im tschechischen Außenministerium; engagiert sich gegenwärtig am Collegium Bohemicum in Ústí nad Labem als Kurator der Exposition der deutschsprachigen Bevölkerung der Böhmischen Länder; gehörte zu den Studentenführern während der "Samtenen Revolution" 1989; lebt in Prag.

Das Projekt "Wendezeiten-Zeitenwende" wurde gefördert durch:




Beitrag Jan Sicha | philoSOPHIA e.V.


Ich bin 1967 in den Realsozialismus hineingeboren worden. Im Kindergarten spielten wir in einem alten sowjetischen Kampflugzeug, das gleich neben dem Sandkasten stand. Wir kletterten nach oben, schauten in die Pilotenkabine und träumten, dass wir eines Tages fliegen würden. Als ich in die erste Klasse kam und rote Hosen anhatte, sagte die Lehrerin zu mir: „Du siehst wie ein Russe aus“, und dies war kein Lob. Viel später habe ich erfahren, dass die "sowjetischen Brüder" nicht nur im Jahre 1945 in die Tschechoslowakei einmarschiert waren, sondern auch 1968. Im ersten Fall handelte es sich um eine Befreiung, im zweiten um eine militärische Besatzung.

Seit meiner Schulzeit hörte ich zu Hause, dass wir bestimmte Sätze und Informationen nur innerhalb der Familie äußern durften, nicht aber in der Öffentlichkeit. So bin ich in einer sprachlichen Schizophrenie aufgewachsen, welche die Schizophrenie des gesellschaftlichen Verhaltens der Tschechoslowaken widerspiegelte. In der Schule haben wir viel über Lenin gehört und gelernt. Ein Witz, einer der ersten, den ich je gehört habe, lautete wie folgt: „Ich öffne mein Schulbuch, es ist Lenin darin; ich mache das Fernsehen an, da flimmert Lenin über den Bildschirm; ich gehe auf der Strasse, da sehe ich ein Leninplakat. Ich fürchte, eine Konservendose zu öffnen.“

Die Bemerkung, dies ist ein „verbotenes Lied“, habe ich zum ersten Mal gehört, als ich sehr klein war. Es war ein früher Hinweis darauf, dass es in meinem Land verbotene Bücher und auch verbotene Wege im Grenzgebiet gab. Später habe ich verbotene Menschen kennengelernt, was ich gut und anregend fand. Zur Situation in der sozialistischen Planwirtschaft gab es ebenfalls viele Witze. Beliebt waren das Frage-und-Antwort-Spiel um das fiktive „Radio Jerewan“. Zum Beispiel:
Frage: „Wir haben gehört, dass es in Kiew Fleisch gibt. Kommt es auch zu uns nach Leningrad?“
Antwort: „Ja, es handelt sich um eine Wanderausstellung“.

Die Erklärungen der gesellschaftlichen Situation, die uns Kindern und Jugendlichen in der Schule geboten wurden, wiesen viele Risse aus. So erschien beispielsweise der Westen immer als potentieller Angreifer, da seine Raketen immer als Angriffswaffen galten; wir hingegen, das sozialistische Lager, verfügten als Friedenslager lediglich über Verteidigungsraketen. Aus dem westlichen Radio vernahmen wir allerdings eine andere Erklärung.

Meine Eltern sprachen mit mir über verbotene Themen erst, nachdem ich sie aufgrund der Information von Radiosendungen „Stimme aus Amerika", „BBC“, "Radio freies Europa“ ausgefragt habe. Vielleicht haben sich meine Eltern aus Vorsicht so verhalten, oder gedacht, dass ich über die westlichen Medien ohnehin schon informiert bin und somit keine Gefahr in Verzug ist, wenn sie über diese Zusammenhänge mit mir sprechen.

Nach der militärischen Intervention der sozialistischen "Bruderstaaten" unter der Führung der Sowjetunion im Jahre 1968 mit dem Ziel, den "Prager Frühling" zu zerschlagen und ein restauratives Regime einzusetzen, haben nur noch wenige Tschechoslowaken an den Sozialismus geglaubt. Eine öffentliche Diskussion wurde durch die Staatsmacht rigoros unterbunden. Diejenigen, die sich aus der schweigenden Mehrheit herauslösten, erlaubten sich als Dissidenten frei zu diskutieren und im Samisdat ihre Schriften mit einer Schreibmaschine zu vervielfältigen. Der Staat behandelte sie schlimmer als Kriminelle.

Bücher wurden mir zum Kultobjekt. Ich lebte im Norden der Tschechoslowakei, wo chemische Fabriken die Luft verpesteten. Um 14.00 Uhr habe ich täglich das Gymnasium verlassen und um 14.05 Uhr eine Nachmittagsschicht in einer Fabrik begonnen. Wir produzierten an den uralten Maschinen Metallfässer, bis 1.200 Stück pro Schicht. Dort habe ich auch Menschen getroffen, die aus politischen Gründen keine bessere Arbeit fanden. Vor allem aber habe ich dort Geld für begehrte Bücher verdient. Solche Bücher konnte ich in einem Prager Antiquariat kaufen, weil mir dort von Freunden auch verbotene Titel reserviert wurden.

Als ich als 18 -jähriger zum unqualifizierten Lehrer in einer Roma- Sonderschule wurde, stieß ich mit der Nase auf die Realitäten der sozialistischen Gesellschaft. Die Direktorin, eine leitende Kommunistin, hat mir generell Schwierigkeiten bereitet: Ihr gefielen mein Humor und Gesicht nicht, meine alte Tasche und Körperhaltung ebenfalls nicht – alles an mir erschien ihr zu widerspenstig. Mit meinen Roma -Schülern jedoch kam ich gut aus auf Grund der Tatsache, dass ich mich gerade nicht stromlinienförmig verhielt. In der Roma -Sonderschule gab es keine Pionierorganisation. Mit diesen Menschen wollte das sozialistische Regime nichts zu tun haben. Und so wie sie wurde auch ich von allem Offiziellen ausgeschlossen.

Ich lernte immer mehr Menschen kennen, die vom Regime als Dissidenten mit Repressalien belegt worden waren. Unter diesen fühlte ich mich wohl. Die Worte "parallele Gesellschaft" oder "zweite Kultur" klangen wie Zauberworte für mich. Die Oberen leben in ihrer eigenen Welt und wir, die Verstoßenen, leben ebenfalls in unserer eigenen Welt. Emigration kam für mich nicht in die Frage, da ich das Gefühl hatte, dass niemand auf mich im Westen neugierig wäre. Wir waren auch darauf eingestellt, ins Gefängnis geworfen zu werden. Es war eine Lehre der 50er Jahre, wonach sich immer eine Grund für das Einsperren finden lässt. Daran, dass wir eines Tages in einem Rechtsstaat leben könnten, haben wir damals nicht geglaubt.

Indem ich die Hochschule besuchte und Geschichte studierte, konnte ich den zweijährigen Militärdienst umgehen. Ich hatte ein Jahr Praxis in der Roma- Sonderschule hinter mir, und solche Bewerber wurden von der Hochschule bevorzugt. Zu Haus beziehungsweise im Umfeld von Freunden haben wir eine Künstlergruppe gegründet, Theater gespielt, gemalt, und ich habe auch geschrieben. Mit meiner künftigen Frau, die ich an der Hochschule für die Lehrerausbildung kennenlernte, haben wir 1985 die ersten verbotenen Bücher auf einer Schreibmaschine abgetippt und dazu Kräutertee mit einem Gefühl getrunken, dass wir gerade die Weltkultur retten. Niemals später kam ich mir so wichtig vor. Ironisch gesagt, reichte uns damals Papier, eine alte Schreibmaschine und die Überzeugung, dass es ohne uns nicht geht. Seit Mitte der 80er Jahre wurden Demonstrationen immer häufiger und dort konnten wir Erfahrungen mit Schlägen, Tränengas und Wasserwerfern der Polizei machen.

Die "Samtene Revolution" begann als eine staatlich erlaubte Demonstration am 17. November 1989. Es handelte sich um den 50. Jahrestag der Ermordung des tschechischen Studenten Jan Opletal durch die Nazis. Damals wurden anschließend die tschechischen Hochschulen bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges geschlossen. Weil viele junge Leute - Studenten und Studentinnen, aber auch andere Altersgruppen - diese offizielle Demonstration nutzten, um ihren Unmut über das sozialistische Regime öffentlich zu bekunden, wurde schnell aus einer erlaubten eine verbotene Demonstration.

Die Polizei reagierte drastisch, denn die protestierende Menschenmenge wurde zwei Stunden lang in einem Kessel zusammengepresst und geschlagen. Unter den Drangsalierten löste diese Vorgehensweise Hysterie aus. Ich hatte vor allem um meine Frau Angst. Schließlich gelang es uns, über Hinterhöfe davonzulaufen. Falls das Regime dachte, dass es die Leute durch sein hartes Vorgehen abschreckt habe, hatte es sich gründlich geirrt.

Die Studenten und Studentinnen - Träger des Protestes - erwiesen sich als mobil, indem sie durch das Land reisten und überall vom Verlauf dieser Demonstration berichteten. Zum Studentenführer wurde ich plötzlich, ohne gewählt zu sein. Wir haben mit dem Regime einen Informationskrieg geführt und gewonnen. Tag und Nacht wurden Flugblätter geschrieben und geklebt sowie Leute agitiert. Wir sprachen gezielt vor allem Arbeiter an, weil wir wollten, dass auch sie die Notwendigkeit grundsätzlicher Änderungen erkennen. Unter uns wollte damals niemand Privatisierung und Kapitalismus, jedoch war unübersehbar auch der Sozialismus gescheitert. Somit herrschten herrliche Wochen, ein Intermezzo, in dem sich jeder die Zukunft nach eigenem Geschmack ausmalen konnte und von niemandem korrigiert wurde. Unsere Studentenforderungen haben sich überraschend schnell erfüllt – Abschaffung der Zensur, Freilassung der politischen Gefangenen, Abschaffung der Volksmilizen (Arbeiter - Kampftruppen), Streichung des Paragraphen von der führender Rolle der Kommunistischen Partei in der Verfassung und freie Wahlen. Was danach kommen sollte, konnten wir uns damals kaum vorstellen.

Die Revolution im Jahr 1989 kam für mich rechtzeitig. Ich konnte beispielsweise mit meiner Frau, fast ohne Geld, per Anhalter durch Europa fahren und diejenigen Galerien sehen, die wir schon immer sehen wollten. Der Sozialismus als ein hässlicher und stupider Zeitabschnitt bleibt mir im Gedächtnis. Würde ich gefragt, welche Farbe den reale Sozialismus ausgezeichnet habe, wäre mein Antwort grau. Die Zeit nach der Revolution hat mir viele Chancen eröffnet. Ob sich solche auch für meine ehemaligen Roma -Schüler ergeben haben, bin ich mir nicht sicher. Vermutlich sind sie am Rande der Gesellschaft geblieben, wo wir uns damals - allerdings aus unterschiedlichen Gründen - gemeinsam befanden.

Ich habe mich mit meinem Beitrag als Zeitzeuge präsentiert und möchte noch auf den bekannten Satz "Zeitzeugen lügen!" eingehen, was in unserem Zusammenhang auf die Frage hinausläuft, auf welche Weise sich die Zeitzeugenschaft der Dissidenten als historische Quelle werten lässt. Das Wort "Dissident" könnte insofern missverstanden werden, als es aus dem Lateinischen übersetzt soviel heißen kann wie "Außenstehender". Nach dem Selbstverständnis der Dissidenten im sowjetischen Machtbereich befanden sie sich jedoch nicht außerhalb der gesellschaftspolitischen Probleme, sondern in deren Zentrum. Sie hielten das offizielle Bild der Gesellschaft für verlogen und kritisierten öffentlich die staatlichen Lügen. Von der schweigenden Mehrheit unterschieden sich die Dissidenten durch ihre oppositionellen Aktivitäten. Die Stärke der Zeitzeugen besteht darin, dass sie ihren Einsichten und zeitgeschichtlichen Analysen ein authentisches Gesicht verleihen; ihre Schwäche jedoch kann man darin erblicken, dass sie eine persönliche Perspektive einnehmen, die nicht unbedingt mit der Geschichtsschreibung übereinstimmen muss. Somit möchte ich betonen, dass die Zeitzeugen im wortwörtlichen Sinne nicht lügen, aber die Geschichtsschreibung und den Geschichtsunterricht nicht ersetzen können.