Wendezeiten/Zeitenwende: Dissidenten als Zeitzeugen

Ein Projekt des philoSOPHIA e.V. [wendezeiten.philoPAGE.de]


Wendezeiten/Zeitenwende im Jahr 1989/90: Dissidenten als Zeitzeugen

Barbara Sengewald (ehem. Barbara Weisshuhn), Jg. 1953; Betriebswirtin; in den 80iger Jahren Engagement in oppositionellen Frauengruppen, die sich DDR- weit vernetzten; in Erfurt Mitarbeit in der "Offenen Arbeit" der Evangelischen Kirche; 1989 Mitbegründerin des "Neuen Forum" des "Neuen Forum" und der "Initiative Frauen für Veränderung" in Erfurt; Beteiligung an der erstmaligen Besetzung einer Bezirksverwaltung des MfS, um die Aktenvernichtung zu stoppen; heute Mitarbeit in der "Gesellschaft für Zeitgeschichte", in der sich u.a. ehemalige Mitglieder des Erfurter Bürgerkomitees um die Aufarbeitung der jüngeren Geschichte Thüringens und die Einrichtung einer Bildungs- und Gedenkstätte in der ehemaligen Stasi-U-Haftanstalt bemühen; lebt in Erfurt.

Bezirksverwaltung des MfS in Erfurt
[+]
Bezirksverwaltung des MfS in Erfurt

Weiterführende Links zum Beitrag

Informationen zur Stasi-Besetzung vom 4. Dezember in Erfurt inklusive ihrer Vorgeschichte, zur Geschichte des Bürgerkomitees Erfurt sowie Dokumente und Bilder finden sich auf der Website
gesellschaft-zeitgeschichte.de

Das Projekt "Wendezeiten-Zeitenwende" wurde gefördert durch:




Beitrag Barbara Sengewald | philoSOPHIA e.V.


Die Besetzung der Bezirksbehörde des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in Erfurt



Hinweis: Von Barbara Sengewald ist zusätzlich ein Interview zu lesen, in dem Sie über die Besetzung am 04. Dezember 1989 berichtet. Interview lesen »

Die Besetzung der Stasi war eine spontane Aktion, die von mutigen Frauen eingeleitet wurde. Zu den Akteuren gehörten in vorderster Front:
Kerstin Schön, Almuth Falcke, Barbara Weisshuhn, Angelika Schön, Elisabeth Kaufhold, Gabi Kachold, Petra (Tely) Büchner, Sabine Fabian, Claudia Bogenhardt.

Warum aber gerade von Frauen? Sowohl in der Bürgerinneninitiative "Frauen für Veränderung", als auch im NF und in unterschiedlichen Kreisen der Evangelischen Kirche gab es politisch aktive Frauen die sich untereinander kannten. Sie waren mutig und entschlossen, einen aktiven aber, und das ist besonders hervorzuheben, friedlichen, gewaltlosen Beitrag zur gesellschaftlichen Veränderung der DDR zu leisten.

Dass dieses Engagement und die einzelnen Aktionen bei allen Beteiligten nicht ohne Angst abliefen ist verständlich. „… Wenn das schief geht, landen wir alle im Keller!...“, erinnerte sich Frau Falcke.
Diese Angst war zutiefst berechtigt. Nach den aufgefundenen Unterlagen in der Erfurter Außenstelle der BStU existierte ein Verteidigungsplan der BV Erfurt des MfS, der den Besetzern allerdings nicht bekannt war. In diesem Plan wurde der gesamte Bereich der BV in vier Verteidigungssektoren eingeteilt. Jeder Sektor enthielt Verteidigungspunkte, die mit Maschinengewehren und Maschinenpistolen ausgerüstet werden konnten und von denen aus genaue Beobachtungs- und Schusssektoren abzudecken waren.

Die Besetzung der Bezirksverwaltung des MfS/AfNS war ein in der Geschichte der DDR bislang beispielloser Vorgang. Das Ende des MfS begann nicht mit der Erstürmung der Berliner Zentrale in der Normannenstraße, sondern mit der Besetzung der Bezirksverwaltung des MfS/AfNS in Erfurt, deren Versiegelung und schließlich Lahmlegung. ”Die Tabuzone wurde in der Erfurter Andreasstraße durchbrochen”.

Dass die Erfurter Aktion den Anfang für eine endgültige Kampfunfähigkeit der Krake Stasi bedeutete, war am 4.12.1989 keineswegs sicher. ”Natürlich konnte damals noch niemand ahnen, dass mit der Besetzung in der Andreasstraße eine gewaltige Unterdrückungsmaschinerie beseitigt werden konnte.”

Zweifelsfrei ist die Signalwirkung, die von der Erfurter Besetzung ausging. Noch am gleichen Tag erfolgten gleichartige Aktionen in Leipzig (nach der Montagsdemo), in Suhl, Schwerin und Rostock. Diese setzten sich am 5.12 in Dresden, Frankfurt/O, Magdeburg und vielen anderen Städten der DDR fort.

Bei aller Widersprüchlichkeit die in den verschiedenen Aktionen des Bürgerkomitees zu erkennen waren, das eigens zur Auflösung der STASI gegründet wurde; bei allen personellen und fachlich-sachlichen Schwächen; bei dem oftmals plötzlichen, der aktuellen Situation angemessenem spontanen Handeln; bei aller Naivität und Unentschlossenheit, die Macht in der Stadt Erfurt zu übernehmen; bei allen Versuchen der Irreführung und psychologischen Beeinflussung durch die ehemaligen Mitarbeiter der MfS/AfNS war die mühevolle und engagierte Arbeit aller politisch bewussten Bürger aus den alten und neu gegründeten Parteien und oppositionellen Gruppen, die sich im Bürgerkomitee vereinigt hatten, ein absoluter Höhepunkt in dem geschichtlichen Prozeß des Herbstes 1989 und des Jahres 1990.

„Aus den Fesseln der Angst befreien“ – mit diesem Text auf der Gedenktafel wird an die erste Besetzung einer Zentrale des MfS erinnert. Diese erste mutige spontane Aktion am 4.12.1989 in Erfurt war die Initialzündung für alle anderen Besetzungen und war mit ihrer Organisationsform einzigartig und beispielgebend für die viele andere Städte. Sie war ein Signal und Fanal für die gesamte DDR und darüber hinaus.

Dem tatkräftigen Einsatz der Mitglieder des Bürgerkomitees ist es zu danken, daß die Vernichtung der Akten und Unterlagen, die das MfS akribisch über die Bürger der DDR angelegt hatte, im Dezember weitgehend eingestellt wurde. Damit stehen sie heute im Rahmen des STASI-Unterlagengesetzes zur Einsichtnahme, Überprüfung, Forschung und Rehabilitierung zur Verfügung. Auch die Überprüfung der Volkskammerabgeordneten im Frühjahr 1990 auf Zusammenarbeit mit der STASI sind der Hartnäckigkeit des Erfurter Bürgerkomitees zu verdanken. Damit wurde auch die bis heute weiter gehende Überprüfung von Parlamentsabgeordneten möglich.

Mit der Besetzung und der Aufarbeitung dieses Teils der DDR-Vergangenheit wurde ein neuer Abschnitt im Prozeß der gesellschaftlichen Umwandlung in der DDR in Gang gesetzt, der historische Dimension als Beispiel für den ganzen ehemaligen Ostblock erhalten sollte.

Erstmals in der Geschichte wurde ein Geheimdienst, der als Machtinstrument einer Diktatur gegen das eigene Volk gerichtet war, von diesem Volk selbst aufgelöst. Die Mittel der Repressionen wie die Bespitzelung in allen ihren Ausmaßen, die Planung der Internierungslager für Andersdenkende, das Durchdringen der Gesellschaft mit „Inoffiziellen Mitarbeitern“ (IM) und „Offizieren im besonderen Einsatz“ (OibE), Methoden der psychischen und auch physischen Zerstörung von Menschen wurden öffentlich gemacht. Die Methoden und Arbeitsweise eines diktatorischen Geheimdienstes sind damit in all seiner Brutalität, aber auch seiner Begrenztheit sichtbar geworden.

Es ist damit ein Stück wahrscheinlicher geworden, dass hier nie wieder die elementaren Menschenrechte so mit Füßen getreten werden.