Wendezeiten/Zeitenwende: Dissidenten als Zeitzeugen

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Wendezeiten/Zeitenwende im Jahr 1989/90: Dissidenten als Zeitzeugen

Alena Petruželková, Jg. 1955; Literaturwissenschaftlerin; schloss sich in den 70iger Jahren der tschechischen Opposition an und studierte an einer Untergrunduniversität; engagierte sich in einem Untergrundverlag: Protagonistin der Samisdat – Edition „Kde domov můj“ (Wo ist meine Heimat), in der viele originelle Dichtungen von damals inoffiziellen Autoren veröffentlicht wurden; nach der "Samtenen Revolution" 1989 Direktorin der Bibliothek des Museums für Literatur in Prag; lebt in Prag.

Das Projekt "Wendezeiten-Zeitenwende" wurde gefördert durch:




Beitrag Elena Petruzelkova | philoSOPHIA e.V.


Der Weg in die Opposition hat sich für mich im Gymnasium in der Stadt Melník eröffnet. Zuerst waren es die Schritte, von denen ich nicht ahnte, wohin die mich künftig führen sollten. Ich war kein Mitglied der offiziellen Jugendorganisation SSM , ähnlich wie die FDJ in der DDR. Ich kann mich an die langen Debatten erinnern, die wir im Gymnasium zu dem Thema Mitgliedschaft oder Nichtmitgliedschaft in der SSM geführt haben. Die Argumente meiner Mitschüler waren selten idealistisch.

Nach dem Einmarsch des Warschauen Paktes in die Tschechoslowakei im Jahre 1968 gab es wenige eifrige Befürworter des realen Sozialismus. Diejenigen, die sich weigerten, Mitglied in der SSM zu werden, hatten keine Aussicht auf eine berufliche Karriere.
Die Argumente meiner Gegner im Gymnasium in der ersten Hälfte der 70er Jahre waren entweder rein pragmatisch, nach dem Motto „Ich bin SSM Mitglied, damit ich meine Ruhe habe und künftig studieren darf“ oder pragmatisch mit einem Tropfen Idealismus nach dem Motto „Ich bin SSM Mitglied, weil man die Dinge nur von innen verändern kann. Durch die Nichtmitgliedschaft ändert sich gar nichts.“
Aus dem Rückblick scheint mir, wir hätten unendlichen Debatten geführt. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass meine Nichtmitgliedschaft in der staatlichen Jugendorganisation tatsächlich negative Auswirkungen auf Dauer haben sollte.

Ein zweiter Schritt in die Opposition war meine Bekanntschaft mit einem Mitglied der Evangelischen Kirche. Ich spreche hier von meiner damaligen besten Freundin, die Blanka Trojanová heißt. Ihre Eltern waren Pfarrer. Wir haben gemeinsam im Pfarrhaus englisch gelernt und verschiedene Texte gelesen, zum Beispiel Texte von dem französischen Philosophen Descartes . Mir war nicht klar, dass ich automatisch ins Visier der Tschechoslowakischen Staatssicherheit komme, wenn ich diese Freundschaft pflege. Die Evangelische Kirche war in der Tschechoslowakei strenger von der Geheimpolizei überwacht, als es in der DDR der Fall war. Die Aufmerksamkeit der Geheimpolizei hat sich automatisch auf mich übertragen. Ich habe erst nach der Wende festgestellt, dass mein privates Leben zum ersten Mal in das Visier der Geheimpolizei geriet, als ich mich an der Hochschule bewarb.

Anfangs war der Zugang zur Hochschule für mich ausgeschlossen, weil eine Bedingung der Aufnahme die Mitgliedschaft in der Jugendorganisation SSM war. Meine Freundin wollte Medizin studieren, statt dessen ist sie eine Hilfskrankenschwester geworden und erst nach fünf Jahren konnte sie mit dem Studium anfangen. Sie war, wie gesagt, in den Augen des Staates fragwürdiger Herkunft.

Ich habe mehr Glück gehabt. Dank der Intervention einer fernen Verwandten, die im Schulministerium arbeitete, bin ich doch an die Hochschule gekommen, allerdings mit Verspätung von einigen Monaten. Die Möglichkeiten in Prag waren ganz andere, als die in der Kleinstadt Melník, ca. 40 Kilometer von Prag entfernt.

Mein erstes Erlebnis an der Universität war abschreckend. Mir wurde ungebeten ein Mitgliedsausweiss des Sozialistischen Jugendverbandes zugeteilt. Die Jugendorganisation an der Philosophischen Fakultät sollte laut Vorschrift 100% der Studenten und Studentinnen umfassen. Ich habe also einen Mitgliedsausweiss bekommen, ohne dass jemand mich um mein Einverständnis gebeten hätte.

Zugleich wurde mir aber eine neue Welt eröffnet, nämlich die Welt einer unabhängigen Untergrunduniversität. Sie hatte ihren Ort in privaten Wohnungen. In diesen versammelten sich Gruppen von höchstens 20 Zuhörern. Aus konspirativen Gründen fanden Vorträge und Seminare in verschieden Wohnungen statt. Immer am Ende des jeweiligen Seminars wurde angekündigt, wo die nächste Veranstaltung stattfinden wird. Eine telefonische Verständigung war nicht ratsam, weil Telefone durch die Staatssicherheit abgehört wurden.

Die prägende Person der unabhängigen Untergrunduniversität war Professor Jan Patocka , ein Schüler von den Phänomenologen Edmund Husserl . Für uns war diese Philosophie natürlich etwas vollkommen anderes als der offiziell vorgeschriebene Marxismus-Leninismus. Diese Version des Marxismus wurde uns oft an der Universität durch die sogenannten Arbeiterkader vorgetragen. Sie waren wenig gebildet und dogmatisch. Unter diesen Umständen kamen keinerlei Diskussionen zustande. Die ganze Situation stellte für uns eine Art von geistiger Folter dar.

Ganz anders war die Atmosphäre in der Untergrunduniversität: kreativ, dialogisch, anregend. Im Unterschied zum staatlichen Raum, der durch die herrschende Macht besetzt war, konnten in den Wohnungen der Untergrunduniversität in einer offenen und freien Atmosphäre geistige und kulturelle Probleme diskutiert werden.

Für meine politische Wahrnehmung sind zwei Ereignisse in der jüngeren tschechischen Geschichte von Bedeutung. Einmal der sogenannte "Prager Frühlig" 1968 und zum anderen die Charta 77.

Der „Prager Frühling“ war ein Versuch, den Sozialismus von der Regierungsebene her zu reformieren. Man wollte die stalinistische Variante des Sozialismus durch einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ ersetzen. Dieser Versuch, Sozialismus und Demokratie miteinander zu verbinden, wurde am 21. August 1968 durch eine militärische Intervention der Staaten des Warschauer Paktes zerschlagen.

Dieses Ereignis bedeutete für mich, als damals Dreizehnjährige, Panzern auf der Straße zu begegnen. Zuerst wurde uns offiziell mitgeteilt, dass es sich um eine Okkupation handelt. Aus der tatsächlichen Okkupation wurde dann langsam in der Regimesprache eine „Brüderliche Hilfe“ gegen die tschechoslowakische Konterrevolution. Damit war eine Lüge geboren. Von daher war ein wesentliches Thema der späteren Opposition das „Leben in der Wahrheit“ In mir war die Sehnsucht nach Wahrheit lebendig, aber ich bekam nur staatliche Lügen zu hören.

Das zweite politische Ereignis, das für mich prägend war, war die Gründung der „Charta 77“. Die sozialistischen und westlichen Staaten haben im Jahre 1975 ein sogenanntes Helsinki -Protokoll unterzeichnet, in dem es unter anderem um die Einhaltung der Menschenrechte ging. Die "Charta 77" verlangte eine Kontrolle des Staates durch die Bürger und Bürgerinnen, ob er dem Helsinki-Protokoll und den Internationalen Menschenrechtspakten entsprechend die Menschen- und Bürgerrechte achtet.

Offensichtlich war beispielsweise, dass in der Tschechoslowakei keine Meinungfreiheit existierte, obwohl sich der Staat in Helsinki vertraglich zu der Garantie dieser Freiheit bekannt hatte. Der Staat war schockiert über die Aktivitäten der Unterzeichner der Charta 77 und startete sofort eine Kampangne gegen diese oppositionelle Plattform. Der Gipfelpunkt der Kampagne war eine Kundgebung im Nationaltheater. Bekannte Persönlichkeiten, vor allem Schauspieler, haben dort ihre Regiemetreue demonstriert, in dem sie eine Petition gegen die „Charta 77“ unterzeichneten. Die Absurdität bestand darin, dass diesen Leuten der Charta Text völlig unbekannt war.

Die ersten Sprecher der Charta 77 waren drei Personen: Jirí Hájek, der ehemalige Aussenminister zur Zeit des „Prager Frühlings“, der Philosoph Jan Patocka und der Dramatiker und künftige Präsident Václav Havel . Jan Patocka wurde mehrmals sehr lange von der Staatssicherheit verhört. Er starb nach einem Verhör an Herzversagen.
Spätestens nach dem Begräbnis von Jan Patocka wurde mir klar, dass meine bisherige oppositionelle Tätigkeit passiv im Sinne von unzulänglich war. Ich suchte meinen Platz in der aktiven Opposition. Während des Begräbnisses von Patocka waren von der philosphischen Fakultät nur fünf Studenten anwesend unter insgesamt 300 Trauergästen. Alle an der Beerdigung Beteiligten wurden durch die Sicherheitsorgane photographiert. Einige Studenten wurden der Universität verwiesen. In der offiziellen Begründung hieß es, sie hätten ihre Studienpflichten nicht erfüllt.

In Rahmen der "Charta 77" bot sich mir die Möglichkeit zu aktivem Widerstand. Allein politische Aktivitäten entsprachen nicht meiner Intention, vielmehr wollte ich bei der Literatur bleiben. Wir haben als kleine Gruppe einen Samisdat -Verlag gegründet. Das russische Wort „Samisdat“ bedeutet "Selbstverlag". Unser Arbeitsgerät war eine Schreibmaschine, die in der Lage war, 11 Textkopien zu fertigen. Diese Texte wurden von unserem Buchbinder gebunden und schlieslich im Bekanntenkreis verteilt.

Ende der 70er Jahre war in Prag der Samisdat weit verbreitet. Unser Hauptanliegen war es, poetische Texte herauszugeben. Unsere Edition hieß „Kde domov muj“, „Wo ist meine Heimat?“. Dies war eine Anspielung auf die erste Strophe der Tschechischen Nationalhymne. Über unsere Editionen haben wir mehrere poetische Talente entdeckt, die nie hätten offiziell publizieren dürfen. Der Dichter Krchovský wurde nach der „Wende“ zu einem der bekanntesten Autoren. Wir waren stolz darauf, dass er „unser Autor“ ist. Wir haben auch den Exilautor Ivan Blatny veröffentlicht. Unsere Arbeit wurde nach der „Samtenen Revolution“ 1989 zum Ausgangspunkt für die kritische Ausgabe seiner Texte.

Zur Zeit existiert in Prag die Bibliothek "Libri Prohibiti"/"Verbotene Bücher", welche von dem ehemaligen Samisdat -Verleger Jirí Gruntorád geleitet wird. Dort findet man unsere Edition. Ich sehe sie als sehr gelungen an. Es befinden sich in den von uns herausgegebenen Büchern Grafiken von Künstlern, die wir gewinnen konnten. Auf diese Weise haben wir hoffentlich unseren Beitrag zu Entwicklung und Erhaltung der unterdrückten tschechoslowakischen Kultur geleistet.

Die Entscheidung, mich in einem Untergrundverlag zu engagieren, war richtig. Zur Zeit bin ich als Direktorin der Bibliothek im "Museum der tschechischen Literatur" in Prag tätig. Somit bin ich bei der Literatur geblieben, und ich konnte auch das Literaturstudium nach der „Samtenen Revolution“ nachholen.
Aus der Zeit der aktiven Opposition und der Undergrunduniversität sind mir zwei wesentliche Anliegen geblieben: einmal die Fähigkeit zum kritischen Denken und zum anderem die Zivilcourage. Zivilcourage ist das Lebenselixier einer lebendigen Demokratie.